Interview mit Kardinal Lehmann
[G][DIM]12pt[=DIM]"Der Papst gibt viele neue Zeichen"[/DIM][/G]
Frankfurter Rundschau/18.08.2006
Das Interview führte: Sabine Hamacher
Quelle: [URL=http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=950981]http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=950981[/URL]
[G]Frankfurter Rundschau: Sie kennen Joseph Ratzinger sehr gut. Hat er sich in Ihren Augen als Papst verändert?[/G]
Karl Lehmann: Ich bin sehr überrascht über einige Wandlungen, die aber im Grunde genommen in seiner Persönlichkeit angelegt waren und jetzt nur stärker wahrgenommen werden. Bei aller Zurückhaltung hat er in der Kommunikation jede Scheu abgelegt. Er hat einen erstaunlichen eigenen Stil der Begegnung mit Menschen gefunden, der sich von der vielleicht eher impulsiven Art Johannes Paul II. unterscheidet. Ich habe mich gefreut, dass er aus dem großen Schatten seines Vorgängers sehr gut und sehr schnell herausgetreten ist. Er hat offensichtlich Freude an seinem Amt. Außerdem ist er politischer, als man dachte. Es gibt kaum ein Ereignis, sei es der Nahe Osten oder der Iran, bei dem er nicht relativ schnell mit einer eindeutigen Stellungnahme da ist. Er ist aber nicht der Mann, der in die Politik hineinregieren möchte; das ist nicht seine Art.
[G]Sein zweiter Deutschland-Besuch führt Papst Benedikt XVI. vom 9. bis 14. September nach München, Altötting, Regensburg und in seinen Geburtsort Marktl. Kardinal Lehmann wird ihn im "päpstlichen Gefolge" begleiten. Vertritt er jetzt andere Positionen?[/G]
Wer ihn kennt, wusste natürlich immer, dass man ihn nicht kleinkariert verstehen darf. Er hat als Präfekt der Glaubenskongregation zum Beispiel das Archiv der Inquisition geöffnet, was in Rom sicher keine leichte Sache war. Er war nie ein engstirniger Bürokrat. Auch wichtige Personalentscheidungen, beispielsweise, dass er als Nachfolger des mächtigen Vatikansprechers Joaquin Navarro-Valls vom Opus Dei ausgerechnet den Jesuiten Federico Lombardi bestellt hat, zeugen von Unabhängigkeit.
[G]Mit seinem Vorgänger hatten es die deutschen Katholiken nicht immer einfach. Gibt es zu einem deutschen Papst mehr Nähe? [/G]
Eigentlich haben wir bisher nicht so sehr davon profitiert, wie manche das in der ersten Euphorie heraufbeschworen haben. Aber das sage ich nicht mit Bedauern, denn der Papst ist Papst für die ganze Weltkirche. Ich hätte noch beim Konklave nicht gedacht, dass ein Deutscher Papst werden könnte - wegen der Vergangenheit. De facto spielte dies aber überhaupt keine Rolle. Als dann die "Wir-sind-Papst"-Sprüche durch die Welt gingen, hat Benedikt XVI. sich sehr klug zurückgehalten und zum Beispiel weiter überwiegend italienisch geredet. Das ist natürlich sehr beobachtet und beachtet worden.
[G]Was erhoffen Sie sich von seinem zweiten Deutschland-Besuch als Papst?[/G]
Der Besuch ist streng auf Bayern konzentriert. Ich sehe die persönliche Note stark im Vordergrund, verwurzelt im Wunsch des Papstes, einmal wieder nach Hause zu kommen. Die auf sehr wenige Treffen begrenzten politischen Begegnungen werden eher Zeichen freundschaftlicher Beziehungen sein. Aber ein Papst reist natürlich nicht privat, und die Fragen, die da sind, nimmt er auf.
[G]Wo gibt es denn Gesprächsbedarf?[/G]
Wenn der Besuch etwas offizieller wäre, könnte man jetzt etwas im Blick auf die Ökumene erwarten. Der Papst muss da aber die ganze katholische Kirche mitnehmen können, und so etwas muss auch theologisch gut vorbereitet sein. Deshalb richtet sich die evangelische Kritik aus Deutschland, dass in diesem einen Papst-Jahr in Sachen Ökumene nicht viel passiert sei, in meinen Augen nicht nur an die falsche Adresse, sondern trifft auch inhaltlich nicht zu. Denken Sie auch an die vielen Gespräche mit der Orthodoxie. Im Übrigen ist ja auch Kardinal Walter Kasper, der "Ökumene-Minister" des Papstes, beim Deutschlandbesuch dabei.
[G]Wie werden Sie Benedikt begegnen?[/G]
Man hat auch in der päpstlichen Delegation nicht viel Gelegenheit, ihn persönlich anzusprechen, das Programm ist ziemlich dicht. Wir hocken danach auch nicht stundenlang zusammen, denn der Papst hat viele Verpflichtungen und muss sich auch in Ruhe auf die Termine der nächsten Tage vorbereiten können.
[G]Was ist vom Weltjugendtag, vom Papstbesuch im vergangenen Jahr geblieben?[/G]
Es ist neuer Schwung hereingekommen. Das waren ja Highlights, die weit über die Binnenwelt der Kirche hinausreichten. Ich habe gestaunt, dass es auch Benedikt gelungen ist, diese Nähe zur Jugend herzustellen, für die sein Vorgänger bekannt war. Nun müssen gute Leute dafür sorgen, dass die Impulse auch Frucht tragen.
[G]Wie soll das konkret geschehen?[/G]
Das wird sich natürlich vor allem in den Bistümern und auf Ortsebene abspielen. Es ist aber eine große Begeisterungsfähigkeit spürbar, etwa kürzlich bei der Ministranten-Wallfahrt in Rom. Natürlich sind es im Moment nur Minderheiten, die sich da kräftiger anstoßen lassen, aber viele Veränderungen kommen ja auch durch zunächst kleine Gruppen zustande.
[G]Der Papst will die Kirche "aus der "Resignation über Mitgliederschwund und Priestermangel herausführen". Wie das? [/G]
Es gibt viele neue Zeichen, er hat zum Beispiel gesagt, dass man nicht Normen allein, gerade im Sinn von Verboten, in den Vordergrund stellen darf, sondern dass es zuerst um die tragenden Inhalte geht. Das wäre zu konkretisieren: Wie ist das denn jetzt mit der Pille, den Kondomen? Er muss das ja nicht selbst machen, dafür gibt es Fachgremien, aber er muss den Auftrag geben. Damit will ich keineswegs sagen, das sich die Positionen der Kirche hier ändern, aber vielleicht können die Begründungen den Menschen plausibler gemacht werden. Bei seinem Besuch kommt es jedoch nicht darauf an, dass er viele Erklärungen abgibt, sondern wie er sich als Mensch, Bischof und Papst gibt: Der Pontifex Maximus kommt in seine Heimat - er ist einer von uns.
[G]Wird die Kirche auf den Rahmengeber für "Events" reduziert? [/G]
In unserer Erlebnisgesellschaft ist das kaum ganz zu vermeiden, und das kann natürlich ambivalent sein. Ich habe gelernt, mit solchen Dingen etwas gnädiger umzugehen. Wenn ihr eine Freude habt am Papst-Bier und am Papst-Brot, dann macht das nur - solange noch etwas Wichtigeres hängen bleibt: Die Begeisterung für oder zumindest das Interesse an den Inhalten des Glaubens.