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Kirsty1
Saturday, February 18, 2006 11:35 AM
17. Februar 2006, 20:53


Papst Benedikt XVI. besucht im Mai Manoppello




Erstmals besucht ein Papst die Pilgerkirche des "Heiligen Gesichts" - Von Paul Badde.

Rom (www.kath.net/welt.de)
Die „Reinigung der Erinnerung“ hat Johannes Paul II. wiederholt der katholischen Kirche abverlangt. Auf diesem Weg setzt nun auch Benedikt XVI. einen spektakulären neuen Schritt. Im Mai wird er das „Heilige Antlitz“ von Manoppello aufsuchen, das die WELT am 23. September 2004 erstmals einer größeren Weltöffentlichkeit vorgestellt hat. „Sollten wir nicht darin das wahre Verhängnis der Welt sehen und um so lauter und eindringlicher zu Gott rufen, dass er sein Antlitz zeige?“ fragte der Papst als Kardinal schon vor Jahren. Vor Wochen erklärte er, dass Dantes „Göttliche Komödie“ ihn zu seiner ersten Enzyklika (über die Liebe) inspiriert habe, wo uns im innersten Licht des Paradieses schließlich nicht etwa ein noch gleißenderes Leuchten, sondern das zarte Gesicht eines Menschen begegnet: das Antlitz Jesu Christi. Dass Gott „ein menschliches Gesicht“ besitzt, sei der alles bewegende Höhepunkt dieses „kosmischen Ausflugs“.

Dantes Verse aus dem Jahr 1320 erinnern mit den Reiseplänen des Papstes jedoch auch daran, dass unser „Krieg der Karikaturen“ in Wirklichkeit nur eine Karikatur früherer Bilderstürme ist. Der wahre Streit um das wahre Bild Gottes hat Rasereien hinter sich, denen schon Tausende zum Opfer gefallen sind – jedoch aus der Hand von Christen, nicht von Muslimen. Unzählige Ikonen wurden dabei verbrannt und zerhackt, ihre Verehrer verbannt, gefoltert, ermordet. Kaiser Leo III., der Isaurier, wollte im Jahr 730 alle Ikonen des byzantinischen Reiches zerstören, um den christlichen Kult „zu reinigen“. Auch nach ihm hat dasselbe Fieber die Christenheit immer wieder einmal überfallen, jeweils begleitet von aufgeheizten Debatten.

Denn das Hauptmotiv der hartnäckigen Verteidiger der Bilder blieb immer gleich: Christen haben ein Urbild Gottes, sagen sie. In Jesus Christus habe Gott sein Gesicht gezeigt. Darum dürfen Christen Gott abbilden. An ihrem Anfang steht also keine neue Schrift, sondern ein Bild. Bis die Evangelien geschrieben waren, besaß die junge Kirche nur die jüdische Bibel. Das Christentum wurde aber auch dadurch zu keiner Buchreligion.

Äthiopiens Christen etwa konnten sich bis ins 9. Jahrhundert nur von Ikonen und Erzählungen entwickeln, vollkommen ohne Schrift.

Diese Urerfahrung von einem Gott, der sich gezeigt hat, wurde sehr früh schon begleitet von Nachrichten eines geheimnisvollen Urbilds, das im Innern der Christenheit von Generation zu Generation weiter gereicht wurde.

Zuerst taucht im Raum von Edessa in Ostanatolien im 6. Jahrhundert ein solches „Bild König Abgars“ mit „vier Falten“ in frühen Texten auf. Eingemauert in einem Stadttor soll es da viele Stürme überstanden haben. Später ist es lange in Konstantinopel bezeugt, wo es Vorbild wurde für das große Christusmosaik in der Kuppel der Hagia Sophia. Im 8. Jahrhundert verschwindet das Bild dann aus allen byzantinischen Quellen, während zur gleichen Zeit ein ähnlich rätselhaftes Porträt auf einem zarten Schleier plötzlich in Rom erscheint, wo es bald nur noch „Schweißtuch der Veronika“ genannt wird. In den Grotten unter dem Petersdom finden sich fünf Fresken, die jenes „Ziborium“ bis heute festhalten, das Papst Johannes VII. im Jahr 705 für dieses „allerheiligste Schweißtuch“ errichten ließ.

Der säulenverzierte Altar war der wichtigste Reliqienschrein der alten Basilika. Als im Jahr 1506 mit dem Neubau des heutigen Doms begonnen wurde, schuf Donato Bramante gleich über dem Grundstein eine neue Schatzkammer für die Kronreliquie. Der erste der vier hochhaushohen Pfeiler, auf denen die Peterskuppel ruht, wurde damals als Hochsicherheitstresor für diesen feinen Schleier ausgebaut. Hier sollte er hinein, als der alte Schrein im Jahr 1608 abgerissen wurde. Und hier verschwand die Urikone noch einmal im 17. Jahrhundert – obwohl seit damals noch immer einmal pro Jahr für wenige Sekunden eine „Veronika-Reliquie“ auf der Loggia des Pfeilers gezeigt wird (von der sich der Korrespondent der WELT am 13. März 2005 jedoch erstmals überzeugen durfte, dass auf diesem „Bild“ mit bloßem Auge absolut nichts zu erkennen ist).

Aus der Welt verschwunden ist die Mutterikone Christi aber wohl dennoch nicht. Eine ganze Reihe von Indizien sprechen inzwischen überwältigend dafür, dass das „Heilige Gesicht“ von Manoppello, das der Papst im Mai besuchen will, identisch ist mit dem alten „Schweißtuch der Veronika“ und dem noch älteren „Abgar-Bild“. Es vereint in sich Qualitäten von Fotos, Holografien, Gemälden, Zeichnungen, zusammen mit rätselhaften Unmöglichkeiten und Ungenauigkeiten. Der Stoff, auf dem es ruht, hat feinere Qualitäten als Nylon. Vor allem aber gleicht das Antlitz Christi keinem zweiten Kunstwerk. Die Schattierungen des Porträts sind delikater, als Leonardo da Vinci sie mit seiner sfumatura zu zaubern verstand.

In manchem erinnert das Bild an eine Fotografie, doch in der Iris ist die rechte Pupille leicht nach oben verschoben, wie es in keinem Foto möglich ist. Genauso wenig kann das Bild eine Holografie sein, der es trotzdem gleicht, wenn Licht von hinten den Schleier bescheint. Vier deutliche Falten durchziehen das Tüchlein, als wäre es lange Zeit einmal längs und zweimal waagerecht gefaltet gewesen.

Die Farben schimmern changierend zwischen Umbra, Siena, Silber, Schiefer, Kupfer, Bronze oder Gold, doch in der Art von Schmetterlingsflügeln; denn unter dem Mikroskop wurden keine Farbspuren in dem Gewebe entdeckt – und im Gegenlicht wird es transparent wie klares Glas; dann verschwinden auch die Falten vollkommen. Diese letzten Phänomene lassen sich sonst nur bei Muschelseide beobachten: dem kostbarsten Gewebe der Antike.

Der Unterschied zu gewöhnlicher Seide lässt sich hier aber mit bloßem Auge erkennen. Denn links und rechts oben fehlen dem Bild zwei Ecken, die irgendwann durch Flicken aus feinster Seide ersetzt wurden. Gegen Licht wirken diese Flicken grau, der Schleier hingegen durchsichtig wie nur Muschelseide durchsichtig sein kann.

In Manoppello wird das Bild natürlich hoch verehrt. Hier genügte den Menschen für Jahrhunderte die Legende, dass „ein Engel“ das Bild im Jahr 1506 dorthin gebracht habe, bis vor einigen Jahren Schwester Blandina Schlömer und Pater Heinrich Pfeiffer, eine deutsche Trappistin und ein deutscher Jesuit, zu fragen begannen, wo dieser Engel denn wohl herkam.

Zunächst aus Rom, das scheint inzwischen gewiss. Wo es aber wirklich herkommt, bevor es hier die Stürme der letzten Jahrhunderte überlebte, wird auch der deutsche Papst nicht einfach beantworten können. Hier wird er zuerst vor der Frage auf die Knie gehen. Das Gesicht hat eine eigentümliche Spiegelwirkung. Es ist fremd und nah zugleich. Am allermeisten gleicht es jedoch dem Antlitz des Mannes, der einmal in dem Turiner Grabtuch gelegen hat. Es ist genauso majestätisch und ebenso rätselhaft wie das Leintuch aus Turin – jenem zweiten, doch viel, viel größeren Textil, von dem es seit frühester Zeit auch heißt, es sei „nicht von Menschenhand gemacht“.

Unter allen Materialien gibt es aber kaum zwei Stoffe, die sich weniger vergleichen lassen als diese beiden Gewebe: Leinen das eine, Muschelseide das andere, von völlig unterschiedlicher Dichte, Dicke, Struktur und Webart. Beide lassen sich verschieden verziehen.

Ungenauigkeit und höchst problematische Messbarkeit ist diesen Materialien quasi eingewebt. Umso erstaunlicher ist deshalb, wie außerordentlich hoch die Übereinstimmung zwischen beiden Abbildern dennoch auf den ungleichen Tüchern ist. Alle bisher möglichen Messungen lassen auf ein und denselben Abgebildeten schließen.

Beide Tücher bilden eine einzige identische Figur ab, beide als Urbilder, und beide vollkommen verschieden. Alles andere sind Kopien. Wenn ein einziges Gewebe auf der Welt also für sich beanspruchen kann, als „zweites Grabtuch“ zu gelten, dann dieses „Heilige Gesicht“ aus Manoppello, vor dem der 266.

Nachfolger des Apostels Petrus bald knien wird. Petrus sah in Jerusalem als erster im leeren Grab „die Leinenbinden und das Schweißtuch“ liegen, wie der Evangelist Johannes schreibt.

Erst nach ihm ging Johannes selbst hinein und „sah und glaubte“. Was sah er denn, dass er so schnell glaubte? Und was wird Benedikt XVI. nun sehen? Er weiß, dass schon im 6. Jahrhundert byzantinische Heerführer ein geheimnisvolles Christusbild als Siegesbanner in ihren Kriegen und Schlachten gegen die Perser mit sich führten – so wie das alte Israel die Bundeslade in seinen Feldzügen gegen die Philister mit sich führte. Auch die Bundeslade war schon verloren gegangen und auf abenteuerliche Weise wieder gefunden worden, bis sie schließlich endgültig verschollen ging: das „Allerheiligste“ Israels mit den Göttlichen Geboten vom Berg Sinai. Muss das Wiederauftauchen des Göttlichen Gesichts den Papst da nicht noch mehr beflügeln als eine letzte Wiederentdeckung der Bundeslade?

Heute kann und darf die Christenheit keinen Krieg mehr führen, weder gegen die Perser noch die Philister. Gewaltige Kämpfe stehen aber dennoch an, die Benedikt XVI. am Tag seiner Wahl schon aufgenommen hat. Da wird die Christenheit ihr altes Siegesbanner wieder gut brauchen können: das göttliche Urmeter der menschlichen Person, das Dante mitten im Licht der Liebe erblickte, die „die Sonne und Sterne bewegt.“



www.kath.net/detail.php?id=12868
@Andrea M.@
Tuesday, February 06, 2007 10:00 PM
Ein interessantes Thema, welches es zu beleuchten gilt:

Die Tagespost vom 20. Mai 2006

Der Krimi geht weiter

Ein Dorf in den Abruzzen beherbergt seit fünfhundert Jahren ein geheimnisvolles Porträt Jesu Christi

Autor: GUIDO HORST

Rom (DT) Die Deutschen in Rom sind gespalten. Die einen glauben, dass das Muschelseidentuch in den Abruzzen, auf dem das Gesicht eines geschundenen, aber lebenden Mannes im Alter Jesu Christi zu sehen ist, nichts mit der berühmten "Veronika", dem ursprünglich in der Petersbasilika verwahrten Schweißtuch des Herrn zu tun hat. Die anderen sind fest davon überzeugt, dass der "volto santo", das "heilige Antlitz", das man seit fünfhundert Jahren in dem zwischen Rom und Pescara gelegenen Manoppello aufbewahrt, den soeben Auferstandenen zeigt.

In feierlicher Prozession wird das Tuch jetzt durch die Straßen des Dörfchens getragen, findet für eine Nacht Aufnahme in einer kleinen, dem heiligen Nikolaus geweihten Kirche und zieht dann zurück in die Kapuzinerkirche Manopellos, wo es das Jahr über in einem gläsernen Schrein über dem Hochaltar ausgestellt ist. Seit 1712 findet diese Prozession an jedem dritten Sonntag im Mai statt. Im Jahr 1506, so heißt es, sei das 17 mal 24 Zentimeter große Tuch nach Manoppello gelangt. Und den fünfhundertsten Jahrestag der Ankunft des Bildnisses wollen die Einwohner und viele Besucher jetzt besonders aufmerksam begehen. Aber wie gesagt: In Rom sind die Deutschen gespalten. Manoppello ist zum Zankapfel geworden. Das hat nicht nur, aber auch damit zu tun, dass der Rom-Korrespondent der Tageszeitung "Die Welt", Paul Badde, ein Buch über den "volto santo" geschrieben hat, das 2005 im Ullstein- Verlag zunächst unter dem Titel "Das Muschelseidentuch" erschien und vor kurzem in einer erweiterten Fassung vom Pattloch- Verlag herausgegeben wurde (DT vom 15. April). Im zweiten Verlag heißt das Buch nun "Das göttliche Gesicht - Die abenteuerliche Suche nach dem wahren Antlitz Jesu".

Und der Autor ist überzeugt: Die Indizienkette sei geschlossen, das Tuch in den Abruzzen zeige den Auferstandenen, jetzt wisse man, wie Jesus aussah. Diese These geht aber selbst im Vatikan manchen zu weit. Denn auch im Petersdom zeigt man zwei Mal im Jahr die so genannte "Veronika", ein Tuch, auf dem das Gesicht Jesu abgebildet sein soll. Schon seit langem ist auf dem zerfallenen Stück Stoff, das in einem Pfeiler des Petersdoms aufbewahrt wird, nichts mehr zu erkennen. Die Befürworter Manoppellos, also auch Autor Badde, gehen davon aus, dass die "Veronika Anfang des sechzehnten Jahrhunderts verschwand, irgendwann in dem Abruzzendorf auftauchte, wo es bis heute verehrt wird - und der Vatikan den frommen Pilgern seit ungefähr fünfhundert Jahren ein falsches Jesus-Tuch zeigt." Dieser "Vatikan-Krimi" hat die säkularen Medien auf den Plan gerufen, in Deutschland neben der "Welt" in Berlin das Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", "Focus" und "Die Zeit". Und vor allem "Zeit" und "Spiegel" sind den Thesen Baddes nachgegangen - und ergriffen Partei für ihren Journalisten-Kollegen. Das aber hat im Vatikan jene erzürnt, die den Berichten aus Manoppello nie so richtig Glauben schenken wollten. Als dann noch die inoffizielle Nachricht gestreut wurde, Papst Benedikt XVI. fahre in diesem Mai höchstpersönlich zum "volto santo" in das Abruzzendorf - was aber bis jetzt, Mitte Mai, nicht geschehen ist -, da wurde bei manchen der Ärger sogar riesengroß.

Hier solle ein neuer "Wallfahrtsort" gefördert werden, und das auf der Grundlage eines Journalisten-Buchs, dessen Thesen sich nur ein Teil der Fachwelt anschließen kann. Diese "Fachwelt" besteht aus einem kleinen Kreis von Wissenschaftlern, die sich bis vor Jahren hauptsächlich mit dem Grabtuch von Turin beschäftigten. Der an der römischen Gregoriana-Universität christliche Kunstgeschichte lehrende Jesuit Heinrich Pfeiffer etwa ist ein Befürworter Manoppellos. Von ihm hat Badde viele Thesen übernommen. Der Würzburger Alt-Historiker Karlheinz Dietz ist wiederum ein entschiedener Gegner. Aber auch unter den römischen Klerikern, die nicht zu dieser kleinen Fachwelt gehören, haben sich viele inzwischen gegen die Echtheit von Manoppello entschieden, auch ohne einen Blick in das Buch Baddes geworfen oder das geheimnisvolle Tuch in den Abruzzen, auf dem nicht die geringste Spur von Farbe zu erkennen ist, je gesehen zu haben. Einer lässt sich von diesem Streit überhaupt nicht beeindrucken: der Erzbischof von Köln, Kardinal Joachim Meisner.

Seelenruhig schreibt er im Vorwort zur polnischen Ausgabe des Buchs über Manoppello: "Ist es nicht ein Zeichen der göttlichen Vorsehung, dass der Journalist Paul Badde wohl das älteste Abbild des Antlitzes Jesu wieder entdeckt und der Öffentlichkeit bekannt gemacht hat? Paul Badde macht deutlich, dass diese kostbare Reliquie des Herrn seit dem Neubau der Peterskirche verschollen war und nun in Manoppello, einem kleinen Ort in den Abruzzen, wieder gefunden worden ist." Was diesen Fund so sensationell mache, so Meisner weiter, sei, "dass er sich deckt mit dem Turiner Leichentuch, das heißt das Antlitz von Manoppello und das Antlitz von Turin sind deckungsgleich. Nur handelt es sich in Manoppello um das Antlitz des österlichen Herrn und in Turin um das Antlitz Christi in der Passion." Was das aber bedeuten würde, sagt der Kardinal auch: "Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden. Er hat ein menschliches Gesicht angenommen, und in dieses Christusgesicht können wir nun hineinschauen. Während es in Turin das Haupt voll Blut und Wunden ist, ist es in Manoppello das Gesicht des auferstandenen Herrn, das noch unter dem österlichen Glanz auf die Verwundungen der Passion hinweist, aber überstrahlt ist von der Verklärung des Ostergeschehens."

Der Journalist Badde legt Fakten, Indizien und Beweise vor, die die Vermutung nahelegen, dass die Menschheit jetzt, zu Beginn des dritten christlichen Jahrtausends, tatsächlich erfahren könnte, wie das Fleisch gewordene Wort, der Sohn Gottes, ausgesehen hat. Er wäre ein schlechter Chronist, wenn er seine Recherchen nicht in einem Buch festgehalten hätte. Und die Gläubigen in Manoppello machen an diesem Sonntag wieder ihre Prozession - in dem Wissen, dass ihnen vielleicht etwas ganz Kostbares anvertraut wurde.

[Modificato da @Andrea M.@ 06/02/2007 22.14]

@Andrea M.@
Tuesday, February 06, 2007 10:17 PM
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Die Tagespost vom 27. Juli 2006

Eine verehrungswürdige Ikone ungewisser Herkunft

Von ARMIN SCHWIBACH

Die Diskussion um das "Volto Santo" erhält Auftrieb: Papst Benedikt XVI. reist am 1. September nach Manoppello

Rom (DT) Seit längerem verdichteten sich die Spekulationen über einen Besuch Benedikts XVI. beim Heiligtum des "Heiligen Antlitzes Jesu" in Manoppello. Jetzt ist es soweit: Am 1. September wird der Papst in die Abruzzen reisen. Dies bestätigte der Rektor des Heiligtums Pater Carmine Cucinelli OFMcapp offiziell. Die Kapuziner von Manoppello sehen im Papstbesuch, so in ihrer Erklärung, eine einzigartige Gelegenheit dafür, die Authentizität des "Volto Santo" und seines universalen Wertes für die Christenheit zu bezeugen. Die Vorbereitungen in dem 4 000-Seelen- Ort Manoppello, in der Erzdiözese Chieti- Vasto und im Landkreis Pescara laufen auf Hochtouren.

Der Papstbesuch ist privater Natur. Benedikt XVI. wird am 1. September um 9.45 Uhr mit einem Helikopter von seinem Sommersitz Castel Gandolfo anreisen und von Erzbischof Bruno Forte, dem Präsident der Region Abruzzen, den Präsidenten der Landkreise Pescara und Chieti und dem Bürgermeister von Manoppello begrüßt. Gegen zehn Uhr besucht der Papst das Heiligtum, in dem das "Volto Santo" verehrt wird. Es folgen Ansprachen des Erzbischofs und eine Meditation des Papstes. Um 11.30 Uhr verlässt Benedikt XVI. Manoppello und kehrt im Hubschrauber nach Castel Gandolfo zurück. Achttausend bis zehntausend Pilger werden erwartet. Zwei Großbildschirme werden die Bilder des vatikanischen Fernsehens CTV auf dem Platz vor dem Heiligtum und im Ort übertragen. Das staatliche Fernsehen RAI wird die Aufnahmen in Italien senden.

Was ist das Besondere am wunderbaren Bild von Manoppello? In der Wunderfrage schlummere die Gottesfrage, hat Kardinal Ratzinger mehrmals festgestellt. Jetzt ist die Frage wieder da. Nach einer Zeit der "Entmythologisierung", die den Tod des Wunderbaren angesagt hatte, bemerken viele irritiert: Auch in der skeptischen Welt des Westens hat die Sehnsucht nach dem Wunderbaren überlebt. Je mehr Wissenschaft, Technik und ein verallgemeinerter Geist der Rationalisierung nach "Jahrhunderten des Obskurantismus" ihren Siegeszug angetreten hatten, desto mehr wurde sich das menschliche Gemüt auch des "Willens zum Mysterium", ja der "Notwendigkeit des Mysteriums" bewusst. Zeitweise merkwürdige Folgen sind dabei nicht ausgeschlossen. So erkannte bereits der englische Dichter Chesterton: Der durch die technische Rationalität bedingte Fortschritt führte die Menschen nicht einfach zum Unglauben. Im Gegenteil: Oft veranlasste er sie, an alles zu glauben, mehr oder weniger ausgewogen. Die Trennung des Wunderbaren von einer das Sichtbare überschreitenden Vernünftigkeit führte oft zu einem irrationalen Glauben an alles Mögliche. So ein Glauben kann gerade zum Unglauben oder zu einem Zerrbild des Glaubens in der Wahrheit werden. Regellosigkeit führt zur mangelnden intellektuellen Disziplin, leicht auch zu esoterischer Wundersucht. Gerade aber die katholische Kirche hütet in ihrem Schoß das Wunder als den Abdruck der Unfassbarkeit des allwissenden Gottes in der Endlichkeit.

Das Christentum entsteht aus dem Ur-Wunder der fleischgewordenen Liebe Gottes und dem Wunder des leeren Grabes. Wunder wegzurationalisieren hieße, Gott selbst in den engen Bahnen einer einseitig definierten menschlichen Rationalität gefangen zu nehmen, nach dem Motto: "Sein kann, was sein darf". Seit zwei Jahren wird über ein wieder entdecktes Wunder diskutiert. Der Gegenstand ist ein kleiner Textilschleier, 17 Zentimeter breit und 24 Zentimeter lang. Er wird in einem kleinen Dorf in den Abruzzen aufbewahrt. Auf ihm ist das "Volto Santo" eingeprägt, wie es dort heißt, das Heilige Antlitz Christi. Es soll sich dabei um jenen Schleier handeln, der das Angesicht des gestorbenen Jesus im Grab bedeckte - über oder unter jenem langen Leintuch, in das sein gefolterter Körper gehüllt worden war, und das in Turin als "Santa Sindone" bekannt ist: das Turiner Grabtuch. Seit 1986 beschäftigt sich der Sindonologe, Kunsthistoriker und Theologe Heinrich Pfeiffer SJ zusätzlich zu diesem Grabtuch jedoch auch noch intensiv mit dem Schleierbild von Manoppello. Für ihn besteht kein Zweifel, dass es sich dabei um ein "zweites Grabtuch" handelt, oder anders, um das so genannte "Schweißtuch der Veronika", das vom Jahr 708 bis um das Jahr 1600 im Vatikan aufbewahrt wurde. Um 1608 sollen sich seine Spuren verloren haben, bevor es im Jahr 1648 dann wieder im Kapuzinerkonvent in Manoppello auftauchte. Für Pfeiffer ist dieses Bild des "Volto Santo" ein nicht von Menschenhand geschaffener Gegenstand. Es ist Werk Gottes. Im September 2004 berichtete die Zeitung "Die Welt" über diesen geheimnisvollen "Schleier von Manoppello". Danach griff im Dezember 2004 auch die Zeitschrift "Cicero" das Thema auf: als ein eventuell wiederentdecktes Wunder, dessen wahre Natur lange ignoriert worden sei. Das wahre Antlitz Christi - die "Vera Ikona", von der sich der allegorische Name der Veronika abgeleitet habe - das einst die Hauptreliquie des Vatikans war, das wunderbare Bild, zu dem die Christenheit über Jahrhunderte pilgerte und das auf mysteriöse Weise vor gut 400 Jahren aus dem Vatikan verschwand (ohne dass das Verschwinden dort je bekannt gemacht worden sei) soll also in dem abgelegenen Dorf Manoppello inmitten der Apenninischen Höhen gefunden worden sein.

Vor allem der deutsche Journalist Paul Badde stellte es seitdem in mehreren Artikeln, vor allem jedoch in einem Buch, ins Zentrum seiner Nachforschungen. Seine Recherchen ergaben, was viele danach einen "Vatikan-Krimi" nannten. Wie konnte es dazu kommen, dass ein derartiger Diebstahl unbemerkt blieb? Kam es wirklich dazu? "Täuscht" der Vatikan also seit fünfhundert Jahren die Gläubigen, wenn bis heute am Passionssonntag noch immer von der Höhe des Veronikapfeilers in der Peterskirche für ein paar Sekunden eine Art Ikone gezeigt wird, auf der - aus der Nähe betrachtet - nichts anderes als ein blassdunkler Fleck zu sehen ist? Und vor allem: Warum sollte der Vatikan das tun? Aber die alles entscheidende Frage ist: Wenn das geheimnisvolle Antlitz von Manoppello wirklich die Urreliquie schlechthin, das wahre Abbild Gottes in Menschengestalt ist, welche Folgen kann und wird diese Erkenntnis und Herausforderung für den Glauben dann haben? Der Schleier faszinierte derart, dass ihm "Die Zeit" im Dezember 2005 ein umfangreiches Dossier auf den Spuren Baddes widmete; Monate vorher beschäftigte sich der Spiegel auf drei Seiten damit. Der "vatikanische Krimi" wurde geboren.

Auch der jüngste Filmbeitrag Ingo Langners "Manoppello - Das wahre Gesicht Christi?" (9. Juli 2006 3SAT, weitere Ausstrahlungen sind vorgesehen) folgte dieser Spur - entlang den Schritten der Recherchen Baddes. Der Regisseur und Autor ging zunächst vom Wunder des Bildes aus; vom geheimnisumwitterten Material, aus dem der Schleier gewoben ist. Bis hin zu gewissen optischen Eigenschaften des Bildes schien es zunächst in den Bereich des Unerklärlichen zu fallen. Denn das Geheimnis fängt ja schon bei dem Material des Gewebes an. Aus dem feinsten, legendenumwobenen Stoff der Antike, Byssus genannt, soll das Tuch sein: Perlmuttfäden, mit denen sich die größte Mittelmeermuschel (die "Pinna Nobilis") am Meeresboden verankert - schwer zu gewinnen, und noch schwerer zu verarbeiten, wohl das kostbarste Rohmaterial. Päpste und Könige schmückten im Mittelalter ihre Gewänder mit Stickereien aus dieser glänzenden goldfarbenen Muschelseide, die nicht zu bemalen sei. Auf unbemalbaren Gewebe habe sich hier also nach der Überzeugung Pfeiffers und Baddes das Antlitz Christi abgebildet. Als Kronzeugin für die Art des Gewebes wird die einzige lebende Byssus-Weberin Chiara Vigo aus Sardinien zitiert.

Sie sieht sich in einer antiken Nachkommenschaft, die bis in die Zeit der Phönizier zurückreicht und Berenike, die Geliebte des Kaisers Titus und Tochter des Königs Herodes, als eine Art Stammesmutter kennt. Von Generation zu Generation sei unter ihnen das Wissen um die Gewinnung der Muschelseide weitergereicht worden. Vigo begründet so die Art des Stoffes. Ein exakter wissenschaftlicher Beweis steht aus. Dazu müsste der Ikone ein winziger Faden entnommen werden, was wohl nur der Papst verlangen könne. Je nach Lichtverhältnissen verschwindet und manifestiert sich das Bild - ein zunächst verblüffendes Phänomen. Es ist jedoch ein Phänomen, das Langners Film auch mit einem bedruckten feinen Seidentuch wiederholen lässt - freilich nicht das eigentümliche Phänomen des Changierens der Farben und des Ausdrucks des "Volto Santo" in wechselndem Licht. Pfeiffer erkennt im "Volto Santo" das Urbild aller Bilder, die Vorlage der gesamten Christusikonographie. Aber das ist nicht alles: Das Bild spreche, es sei ein Schleier, der statt zu verhüllen enthülle. Für ihn ist sogar klar: Keine Theologie, keine Vernunftwissenschaft kann es mit diesem Wunder aufnehmen. Mehr noch: Dieses wunderbare Bild verbiete fast jede Anfrage, die eine vernünftige Begründbarkeit verlangt. Doch diese Meinung verletzt natürlich die theologischen und philosophischen Bemühungen von zwei Jahrtausenden.

Bezeichnete Kardinal Christoph Schönborn im Jahr 2002 das Turiner Grabtuch noch als den in der Welt ausgelegten "Köder Gottes", der auch die Wissenschaftler zur Beschäftigung mit der Auferstehung Jesu veranlasse (vgl. DT 1. Juni 2002), so scheint hier nun der Angelhaken gefunden worden zu sein. Am Ende seines Films konfrontierte Langner einen Spezialisten der Grabtuchforschung, den Althistoriker Karl-Heinz Dietz, Inhaber des Lehrstuhls für Alte Geschichte der Universität Würzburg, mit den Beiträgen Pfeiffers und Baddes, um ihm in einer Art simulierter Debatte danach das Schlusswort zu überlassen. Die langjährige Arbeit am Turiner Grabtuch hat Dietz den Schluss ziehen lassen, dass jenes Tuch echt ist: es sei ein "echtes Foto, das lange vor der Erfindung der Fotografie entstand". Umso gespannter konnte man auf sein Urteil über Manoppello sein. Sein Urteil ist klar: "Für mich ist das eine Phantasiegeschichte, die ein Objekt als Ausgangspunkt hat, das faszinierend ist, daran gibt es überhaupt keinen Zweifel, das vermutlich auch ein singuläres Objekt ist". Alles andere aber, was daraus gemacht wird, sei "schlecht recherchiert" und "historisch unhaltbar". Auch die weiteren Bewertungen des Historikers sind schwere Vorwürfe: "Quellen werden genau gegenteilig gelesen, als sie gelesen werden müssten". Es sei mehr historische Methode zu betreiben, weniger die eigene Phantasie "ins Kraut schießen zu lassen".

Vor allem sei es unangenehm, wenn man Leuten irgendwelche in einer fernen Vergangenheit begangene Verbrechen unterstellt und dann vom "Krimi im Vatikan" spricht. Hier verbeißt sich der Althistoriker jenseits aller üblichen akademischen Reserviertheit allerdings in einer Formulierung von Klappentexten und aus verschiedenen Rezensionen, die sachlich vielleicht sogar gegeben oder geboten ist - doch weder von Pfeiffer oder Badde je explizit ins Spiel gebracht wurde. Schon jetzt darf man deshalb auf die Beweise gespannt sein, die Dietz in Zukunft für sein Urteil vorlegen will. Was ist also das "Volto Santo" von Manoppello beim gegenwärtigen Stand der Dinge? Eine verehrungswürdige Ikone mit ungewisser Herkunft, die seit mindestens 400 Jahren nie zur Untersuchung aus dem Glas ihres Rahmens herausgenommen wurde - und die in verblüffender Weise mit allen Urikonen Christi kompatibel ist. Ob das Bild "schön" ist, muss dem Urteil des Betrachters überlassen werden. Das Bild zieht an, unabhängig davon, wie es gesehen wird.
@Andrea M.@
Tuesday, February 06, 2007 10:18 PM
Die Tagespost vom 02. September 2006

Auf der Suche nach dem Bild des Herrn

Papst Benedikt XVI. hat gestern das geheimnisvolle „Volto Santo“ in dem Abruzzendorf Manoppello besucht

Von Guido Horst

Manoppello (DT) Das geheimnisvolle Angesicht von Manoppello, dessen Maße und Umrisse bis in die kleinsten Details hinein mit den Gesichtszügen des Gekreuzigten auf dem Grabtuch von Turin übereinstimmen, hat gestern prominenten Besuch erhalten. Papst Benedikt XVI. hat seinen Aufenthalt in der päpstlichen Sommerresidenz in Castelgandolfo für drei Stunden unterbrochen und dem „Volto Santo“ per Helikopter seine Aufwartung gemacht.

Es war eine kurze „Pilgerfahrt“, wie es in einer Mitteilung des Kapuzinerordens hieß, der das auf einem Muschelseide-Tuch abgebildete Antlitz seit 1638 in dem Abruzzendorf aufbewahrt und es ab 1646 dort auch öffentlich ausgestellt hat. Dass der Ort in diesem Jahr den fünfhundertsten Jahrestag dieses heiligen Bildes von Manoppello feiert, geht auf eine fromme Erzählung zurück, derzufolge ein Unbekannter das Tuch im Jahr 1506 einem angesehenen Bürger des Dorfs übergeben hat, bevor es dann über hundertdreißig Jahre später aus privatem Besitz in die Obhut der Kapuziner kam.

DANK FÜR DEN HERZLICHEN EMPFANG

Zunächst aber begrüßte der Papst bei bestem Wetter auf seinem Weg vom Hubschrauber zur Kirche „San Nicola“ die wartenden Menschen, von denen viele von weit her den Weg nach Manoppello gefunden hatten. Und dabei ließ er sich Zeit. Begleitet von einem kleinem Gefolge sowie von Erzbischof Bruno Forte, der die Diözese Chieti-Vasto leitet, in der Manoppello liegt, reichte der Papst so vielen Menschen die Hand, wie er nur erreichen konnte. Kurz bevor er die dem heiligen Nikolaus geweihte Wallfahrtskirche betrat, wandte er sich um und dankte für den herzlichen Empfang. Wenn die Gläubigen mit dem Papst zusammenkämen, sagte Papst Benedikt mit freien Worten, dann sei das wie eine große Familie. Und den Grund seines Besuchs nannte er auch: „Das Gesicht des Herrn kennenzulernen“.

In der Wallfahrtskirche erwarteten Priester und Seminaristen der Diözese Chieti-Vasto, die Kapuzinermönche und zahlreiche Bischöfe den Papst. Wieder schüttelte dieser viele Hände, bis er dann vor dem Altar stand, über dem sich, durch zwei seitliche Treppen zu erreichen, der gläserne Schrein mit dem kostbaren Tuch erhebt. Benedikt XVI. kniete vor dem Altar nieder. Fünf Minuten stilles Gebet, erst am Ende blickte er dann hinauf zu dem Gesicht mit den weit geöffneten Augen, das man in Manoppello als Abbild des Antlitzes des soeben vom Tod auferstandenen Herrn verehrt.

Anschließend ging der Papst nach oben, ein Pater hatte den gläsernen Schrein geöffnet. Aus nächster Nähe schaute sich der Papst nun das hauchdünne Tuch aufmerksam an. Spätestens jetzt war es klar. Der Heilige Vater machte heute keinen Besuch in einer Wallfahrtskirche, in der auch ein frommes Abbild aufbewahrt wird. Sondern er wollte genau dieses Tuch sehen. Verschiedene Lichtquellen beleuchten es im Inneren des Schreins. Ein Pater machte eine Lampe aus, eine andere wieder an. Mit diesem Wechsel der Beleuchtung begann das Schauspiel. Je nach Lichteinfall ändert das „Volto Santo“ seinen Ausdruck. Es wird fast lebendig, strahlt Güte, Staunen und Barmherzigkeit aus, was Fotografien nicht festhalten können. Und betrachtet man es gegen das aus dem Hauptportal der Kirche einfallende Tageslicht, ohne dass es von oben oder der Seite angestrahlt wird, sieht man nur noch das zarte Tuch und das Antlitz verschwindet ganz. Ein letzter, fast scheuer Blick des Papstes auf das Tuch, dann stieg er wieder herab in das Kirchenschiff.

Erzbischof Bruno Forte begrüßte Papst Benedikt. Beide kennen sich. Forte ist ein angesehener Theologe und hat viele Jahre mit Kardinal Ratzinger in der Theologischen Kommission der Glaubenskongregation zusammengearbeitet. Mit warmen Worten begrüßte er den hohen Gast und ließ Papst Benedikt vier Geschenke überreichen: Eine von der Trappistin Blandina Schlömer gemalte Christus-Ikone, die dem „Volto Santo“ nachempfunden ist. Schwester Blandina, eine deutsche Ordensfrau, lebt seit Jahren in Manoppello, wo sie das Muschelseiden-Tuch behütet und pflegt, selber darüber zahlreiche Studien angestellt hat und zahllose Besucher zu dem gläsernen Schrein geführt hat. Als Geschenk der Kapuziner erhielt der Papst zudem eine Nachbildung des „Volto Santo“, von der Gemeinde Manoppello ein reich gefüllten Korb mit Lebensmitteln und von der Ortsdiözese einen Scheck zur Unterstützung armer und notleidender Personen.

Papst Benedikt widmete seine Ansprache dem Angesicht des Herrn. Und er sprach vor allem die anwesenden Priester und Seminaristen an, die stets auf der Suche seien nach Seinem heiligen Angesicht, auch hier, „an einem Ort, wo wir die Ikone des heiligen Antlitzes verehren“. Es sei seine „private Wallfahrt“, meinte der Papst, aber so ein kirchliches Ereignis könne nie ganz privat sein.

Während seines Gebets eben habe er an die ersten beiden Apostel gedacht, fuhr Papst Benedikt fort, jene, die am Ufer des Jordans Jesus fragten: „Herr, wo wohnst Du?“, und die Antwort erhielten: „Kommt und seht.“ An diesem Tag hätten die beiden eine unvergessliche Erfahrung gemacht. Sie hätten den Messias gefunden. Aber welcher Weg habe noch vor ihnen gelegen, rief Benedikt aus. Sie hätten sich nicht vorstellen können, wie unergründlich das Gesicht des Herrn war. Noch beim letzten Abendmahl habe dieser den Philippus gefragt: „So lange schon bin ich bei euch, und Du hast mich nicht erkannt?“ Und dann habe er den Seinen jene neue Selbstoffenbarung anvertraut: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ Eine Erkenntnis, die den Aposteln dann erst nach der Auferstehung Christi zur festen Gewissheit geworden sei.

MIT UNSCHULDIGEM HERZ ERKENNEN

Papst Benedikt sprach daraufhin von der Generation derer, die das Angesicht Gottes suchen würden. Aber um das Angesicht des Herrn zu erkennen, „seien unschuldige Hände und reine Herzen“ vonnöten. Der Papst sprach hier direkt die Priester und Seminaristen an, die für die Menschen Jesus Christus sein müssten. Aber das Antlitz Christi zu suchen, verbinde alle Christen. „Tatsächlich sind wir die Generation, die in dieser Zeit Sein Angesicht sucht, das Angesicht des Gottes Jakobs. Und wenn wir darin ausharren, das Antlitz des Herrn zu suchen, wird er, Jesus Christus, am Ende unserer irdischen Pilgerfahrt unsere ewige Freude, unser Lohn und unsere Glorie für immer sein.“ Seine Ansprache beendet Papst Benedikt mit dem alten biblischen Segen: „Der Herr segne und beschütze euch. Der Herr lasse sein Angesicht über euch leuchten... Der Herr wende euch sein Angesicht zu und gewähre euch Frieden. Amen“. Das sagte der Papst und erteilte allen Anwesenden unter dem „Volto Santo“ von Manoppello seinen Segen.

Dieser Besuch Benedikts wird Folgen haben. Mit keinem Wort hat sich der Papst zu der von manchen verfochtenen These geäußert, dass das Tuch in Manoppello jener Schleier gewesen ist, der im Grab Jesu das Gesicht des Gekreuzigten verhüllte. Aber er hat deutlich gemacht, dass Gott für den Menschen ein Gesicht hat, das Gesicht Jesu. Und dass es jedem gestattet ist, das Antlitz Jesu vor dem Tuch von Manoppello zu verehren. Was der Papst einmal getan hat, kann den Gläubigen nicht verwehrt werden. Niemandem soll es verboten sein, sich ein „Bild“ von Gott zu machen. Und ob das Bild in jenem kleinen Abruzzendorf tatsächlich Jesus Christus zeigt, ist eine Frage, die die Kirche auch weiterhin beschäftigen wird. Dass die Kapuziner in Manoppello ein Selbstbildnis Albrecht Dürers verwahren, wie es manche Kunsthistoriker behaupten, ist nach dem Besuch Benedikts XVI. eher unwahrscheinlich geworden.
@Andrea M.@
Tuesday, February 06, 2007 10:26 PM
Interview von 2005 zum Thema Manoppello
06. November 2005

Der Schleier von Manoppello ist eine 'Reliquie der Auferstehung'
Das Bild Christi ist vermutlich älter als jeder Evangelientext und wird die Theologie und Ökumene kurzfristig und langfristig erschüttern"


KATH.NET-Interview mit Paul Badde über das geheimnisvolle Tuch von Manoppello

KATH.NET: Paul Badde, Sie haben vor kurzem das Buch 'Das Muschelseidentuch' veröffentlicht. Um was geht es hier in Kürze?

Paul Badde: Kurz ist die Geschichte fast ebenso einfach wie in ihrer ausführlichen Form. Und kurz oder lang bleibt sie unglaublich. Erstens: vor Manoppello, einem kleinen Städtchen in den Abruzzen an der Adria, gibt es ohne jeden Zweifel seit mindestens vierhundert Jahren ein kleines Tuch mit einem außerordentlich unerklärlichen und eindrucksvollen Abbild vom Angesicht Christi - auf einem Stoff, der feiner ist als ein Nylonstrumpf. Zweitens: die Indizien sind erdrückend, dass es sich bei diesem Tuch um den sogenannten Schleier der Veronika handeln muss, der vom Jahr 705 bis zum Jahr 1600 im Petersdom in Rom verwahrt, verehrt und oft gezeigt wurde. Drittens: vom Jahr 705 zurück gibt es viele ernst zu nehmende Zeugnisse und Quellen, die ein "nicht von Menschenhand gemachtes" Bild eben dieser gleichen Art zurückverfolgen über Konstantinopel und Edessa bis hin nach Jerusalem. Jeder Indizienprozess würde seine Beweisführung deshalb darauf anlegen, dass es sich hierbei wohl um eines der "zwei Tücher" handelt, von denen Johannes in seinem Bericht über die Auferstehung Christi im leeren Grab des Ostermorgens spricht. Das zweite dieser beiden Tücher kann daneben nur das Grabtuch von Turin sein: die kostbarste Reliquie der Passion - dem sich der Schleier von Manoppello als eine Art "Reliquie der Auferstehung" anzufügen scheint. Beide Tücher zeigen ein identisches Gesicht - das Grabtuch mehr als ein Schatten, der Schleier mehr wie in Diapositiv.

KATH.NET: Seit wann beschäftigen Sie sich mit Manoppello und dem Tuch und wie sind Sie darauf gekommen?

Paul Badde: Das ist ein verschlungener Roman, von dem ich versucht habe, ihn auszugsweise in meinem neuen Buch ein wenig aufzuzeichnen. Am Schluss wurde für diese Entdeckung aber wohl die Arbeit an meinem letzten Buch über das Bild der Muttergottes von Guadalupe entscheidend, wo ich auf der S. 86 noch eher beiläufig und fast im Scherz die Frage formulierte: "Was wird, wenn wir mitten in der seriellen Bilderflut der Moderne plötzlich mit der Entdeckung konfrontiert werden, dass es in unserer Welt auch wahre und lebendige Bilder gibt? Was wird sein, wenn sich im Überfall der neuen Bilder- und Zeichensprache unserer Zeit herausstellen sollte, dass es in Turin und Mexiko »Dinge« gibt, in denen Urbild, Abbild und Bild in eins zusammenfallen, nicht als Kopie, nicht als Plagiat, sondern die in sich selbst wahr und vollkommen sind? Lässt dann diese Erkenntnis nicht - zumindest für die Christenheit - noch einmal eine letzte kopernikanische Wende für das neue Jahrtausend erwarten, mit einer völlig neuen Hinwendung zur Welt?" - Das neue Buch ist nun von selbst eine erste Antwort darauf geworden - in der sich dennoch die gleiche Frage jetzt noch einmal sehr viel schärfer stellt.

KATH.NET: Gibt es eine wissenschaftliche Erklärung für die Entstehung dieses Schleiers?

Paul Badde: Nein, die Sache bleibt völlig schleierhaft. Es finden sich auch unter dem Mikroskop keine Farben auf dem hauchfeinen Tuch, natürlich auch keine Grundierung, und dennoch finden wir hier ein Bild mit solch zarten Schattierungen, wie wir sie nicht einmal von Leonardo da Vinci kennen, dem die Entwicklung der sogenannten "sfumatura" in der Malerei zugeschrieben wird, d.h. der feinsten bis dahin bekannten Farbabstufungen. Ein anderes völlig rätselhaftes Phänomen besteht in der Tatsache, dass das Bild von zwei Seiten vollkommen sichtbar bleibt, von vorne und von hinten, nur seitenverkehrt, obwohl es in sich selbst so transparent ist, dass man eine Zeitung dadurch lesen kann. Im Gegenlicht verschwindet es hingegen vollkommen; dann wird es so durchsichtig wie eine Fensterscheibe. Und seit etwa einem Jahr deuten neue Erkenntnisse darauf hin, dass es sich bei dem Gewebe um "Muschelseide" handelt, dem teuersten und fast schon verschollenen Stoff der Antike - der sich allerdings nur leicht färben, jedoch nie bemalen lässt. Muschelseide nimmt überhaupt keine Farben an.

KATH.NET: Was heißt denn nun „Schweißtuch der Veronika“? Ist das Tuch von Manoppello dieses Schweißtuch oder ist es ein Tuch, das im Grab war, aber nicht unbedingt der Veronika zuzuordnen ist?

Paul Badde: Die Evangelien berichten mit keinem Wort von einer Veronika, die Jesus bei seinem Aufstieg zum Golgatha das Gesicht mit einem Tuch abgewischt hat. Und erst recht berichten sie nicht, dass sich in diesem Tuch das Gesicht Jesu abgebildet hat. Johannes schreibt in seinem Evangelium allerdings von zwei Tüchern im leeren Grab, wo Petrus am frühen Ostermorgen „die Leinenbinden liegen (sah) und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte“. Danach ging Johannes auch selbst in das Grab hinein, „sah und glaubte“. Das ist der harte Kern in den Evangelien.

Danach wurden jedoch durch die Jahrhunderte verschiedene Tücher als Reliquien aufbewahrt, unter denen vor allem ein hauchfeiner Schleier mit dem Gesicht Christi so geheimnisvoll und rätselhaft aufleuchtete, dass die Menschen immer von neuem zu erklären versuchten, wie es wohl jemals entstanden sein mochte. Es waren allesamt Erklärungsversuche und Erklärungsmodelle für etwas Unerklärliches, weil es aus den technischen Möglichkeiten aller Zeiten einfach komplett heraus fiel. So können wir verstehen, dass der Schleier von Manoppello im ersten Jahrtausend im Osten als „Abgar-Bild“ verehrt wurde, danach im Westen in Rom als „Schleier der Veronika“ und schließlich in Manoppello nur noch als „Volto Santo“ (als Heiliges Gesicht).

Jeder dieser Begriffe – für immer das gleiche Bild! – wurde dabei mit immer neuen und anderen Legenden verbunden. Nach der Abgar-Legende hatte Jesus selbst dieses Bild dem kranken König Abgar von Edessa als Brief geschickt. Nach der Veronika-Legende war es eine Frau, die Jesus das Bild abgenommen hatte und in Manoppello war es schließlich ein Engel, der das Bild in die Abruzzen gebracht hat. Besonders mächtig wurde vor allem die römische Veronika-Legende aber aus zwei Gründen. Erstens verdichtete sich in ihrem Namen sehr bildhaft der griechisch-lateinische Begriff des „Vera Ikon“, d.h. des „wahren Bildes“. Zweitens wurde ihre Legende als überaus starkes Bild ab dem Mittelalter noch szenisch als 6. Station in die Kreuzwege eingefügt, die sich seitdem in fast jeder Kirche und Kapelle des Abendlands wieder finden.

Dadurch hat sich das so genannte „Schweißtuch der Veronika“ besonders tief in die kollektive christliche Erinnerung Europas eingeritzt. Ein „Schweißtuch“ aber kann dieses rätselhafte Bild in Manoppello nie gewesen sein. Denn es finden sich weder Blut noch Schweiß noch Farbspuren darin – im Gegensatz zu einem wahren und wirklichen Schweißtuch in der San Salvador-Kathedrale in Oviedo in Spanien, das Jesus wohl nach seinem Tod vor den Mund gepresst wurde, um den Blutfluss zu stoppen. Auf jenem Tuch in Spanien findet sich aber kein Bild. Es ist also insgesamt recht kompliziert. In meinem Buch habe ich deshalb versucht, in jedem Kapitel in aller Ruhe einem anderen Faden dieser Geschichte nachzugehen. Es ist kompliziert, aber auch extrem spannend.

Und den früheren Legenden füge ich nun als letztes Erklärungsmodell - mit neuen Erkenntnissen und vielen guten Gründen - die Annahme hinzu, dass nach der Kreuzabnahme der kostbare Schleier in Manoppello wohl ein letzter Gruß Maria Magdalenas war, den sie dem toten Jesus über das Gesicht oben auf das Grabtuch gelegt hat, bevor er innerhalb des Grabes auf die Grabbank abgelegt wurde. So war dieser Schleier bei der Auferstehung zugegen.

KATH.NET: Wie ist die Reaktion von kirchlichen Vertretern zu Ihren Nachforschungen?

Paul Badde: Na ja, erstens denkt der Vatikan natürlich in anderen, eher ewigen Kategorien, wenn nicht mindestens in Jahrtausenden. Zweitens hat er ganz konkret schon mindestens 400 Jahre lang in der Frage sehr still gehalten, ob ihm die kostbarste Reliquie der Christenheit damals nicht dummerweise einfach geklaut worden ist. Denn seit damals wird ja immer noch einmal im Jahr eine Veronika den Gläubigen im Petersdom von der Loggia des Veronika-Pfeilers gezeigt, d.h. von sehr weitem und immer nur sehr kurz. Von dieser "Veronika" des Vatikans existiert jedoch bis heute kein einziges brauchbares Foto. Das hat schon viele irritiert. Aber nun ist endlich Bewegung in den Fall gekommen. In Rom hat beispielsweise kürzlich ein Kardinal mein Buch drei Tage nach dem Erscheinen in zwei Nächten ausgelesen und danach zu mir von einem "theologischen Krimi" gesprochen. Die meisten aber sind bisher noch sehr viel vorsichtiger.Vielleicht wird vielen vor den Konsequenzen ja auch einfach schwindlig. Denn als Gerücht und Verdacht gab es ja schon lange die Behauptungen Professor Pfeiffers von der Gregoriania-Universität und der Trappistin Blandina Paschalis Schlömer des Klosters Maria Frieden in der Eifel, dass da im Vatikan nur eine Attrappe verwahrt wird. Es hatte bisher nur nie verifiziert werden können, bis ich im letzten März der erste ungeweihte Laie geworden bin, der die Veronika des Vatikans von nahem sehen durfte und sichere Beweise dafür sammeln konnte, dass sie nicht das originale Tuch sein kann, das hier in Rom einmal Millionen Pilgern gezeigt worden ist. Erstens ist überhaupt nichts darauf zu sehen. Und zweitens passte diese "Veronika" überhaupt nicht in den alten Rahmen, in dem sie noch bis zum 16. Jahrhundert gezeigt wurde. Diese Attrappe ist dafür einfach zu groß.

KATH.NET: Welche Bedeutung hat das Tuch für die Kirche und glauben Sie, dass dies die Kirchengeschichte verändern könnte?

Paul Badde: Ja, doch wie ist noch völlig offen. Es hat eine enorme Bedeutung und das wird sich auch noch erweisen - wenn wir unseren Glauben noch ernst nehmen. Denn wir glauben doch, dass der unsichtbare Gott in Jesus Christus sein wahres sichtbares Gesicht gezeigt hat. Dieser Glaube unterscheidet die Christenheit von allen anderen Religionen und Kulturen. Und von eben diesem Gesicht verfügte und verwahrte der Vatikan in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten zwei alte und ehrwürdige Ikonen, von denen die eine - im Tresor des Veronik-Pfeiler im Petersdom - völlig farblos und verblichen ist und ein anderes sogenanntes "Mandylion" in der Sakristei der Sixtinischen Kapelle fast schwarz. Das ist in sich schon sehr sprechend und braucht kaum noch kommentiert zu werden. Wenn in Ergänzung dazu nun aber dieses Bild Christi aus Manoppello wieder in unseren Blick kommt, das zum einen ungeheuer differenziert und leuchtend ist und zum anderen vermutlich älter als jeder Evangelientext, dann kann das nur eine umwälzende Bedeutung haben, die auch die Theologie und Ökumene kurzfristig und langfristig noch so erschüttern wird, wie das letzte Erdbeben das arme Pakistan erschüttert hat.

KATH.NET: Wie sehr hat diese Entdeckung ihr persönliches Leben und Glaubensleben verändert?

Paul Badde: Das ist ein Prozess, den ich noch gar nicht überblicken kann, sowenig wie die Kirche selbst das für sich kann. Schauen Sie, in diesen Tagen machte in den Medien der Streit die Runde, in dem die evangelische Landeskirche Hannover sich über Jahre bemühte, dem Göttinger Theologen Gerd Lüdemann die Lehrerlaubnis zu entziehen, der unter anderem die Auferstehung Christi schon vor Jahren - und natürlich mit vielen theologischen Argumenten - als "Humbug" bezeichnet hat. Viele andere Theologen - ob evangelisch oder katholisch - sind wohl weniger kess und vor allem vorsichtiger, was ihre Anstellung betrifft, aber meinen gewiss schon länger im Geheimen das Gleiche. Es ist zwar nicht recht glaubhaft, dass sich die Christen der ersten Jahrhunderte in Rom für einen "Humbug" von den Löwen zerreißen ließen - doch das ist kein theologisches Argument. Eins ist jedenfalls für keine Seite mehr zweifelhaft: der Glaube an die Fleischwerdung Gottes in Christus und seine Auferstehung von den Toten ist auch in der Kirche in den letzten Jahrzehnten immer mehr verdunstet oder weg erklärt worden (was auf das Gleiche heraus kommt). Es ist dieser historische Moment, wo sich am Anfang des dritten Jahrtausends plötzlich dieses erschütternde Bilddokument von Manoppello mit einer völlig neuen Sprache zu Wort meldet und zu sprechen beginnt. Wäre es nur ein 400 Jahre alter Nylonstrumpf in den Abruzzen, wäre dieser Schleier eine absolute Sensation. Doch hier ist mehr als Nylon. Und wäre das Tuch mit dem Antlitz Christi der legendäre Schleier der Veronika, wäre es eine noch größere Sensation. Doch hier ist mehr als die Veronika.

[Modificato da @Andrea M.@ 06/02/2007 22.41]

@Andrea M.@
Tuesday, February 06, 2007 10:42 PM
Auszug aus dem Buch von Paul Badde
27. September 2005

Das Gesicht Gottes

„Der Blick wollte mich nicht loslassen. Die Augen schauten mich an, ich schaute sie an.“

Paul Badde berichtet in einem neuen Buch, wie er das Antlitz Christi entdeckte. Wir dokumentieren einen Auszug.

Die Rückkehr der Bilder.

Morgensonne lässt den Marmor des Petersdoms rotgolden aufleuchten; ein Palast des himmlischen Jerusalem kann in diesem Moment kaum schöner sein. Das Blau eines neuen Tages spannt sich hinter der Kuppel zum Weltall hoch, als leuchtendes Zelt. Es könnte der erste Sommertag dieses Jahres werden, wie es aussieht, trotz der nachtkühlen Steine des Petersplatzes.

An einer Säule lege ich den Kopf in den Nacken und schaue nach oben, zwei segelnden Wolken nach. Aus diesem Blickwinkel öffnet sich der Kreis der Kolonnaden in der Höhe zu einem gewaltigen kosmischen Vulkan, aus dessen Mitte der Obelisk als Peilstab einer jenseitigen Welt zu den Sternen emporragt. Es ist ein kleiner Trick, mit dem ich normalerweise die Besucher Roms beeindrucke. Doch diesmal ist nichts normal. Diesmal liege ich in dem Säulenring wie ein angezählter Boxer in den Seilen.

Ein Flugzeug mit blinkenden Positionslichtern zieht hoch oben durch das helle Morgengrauen. Die Tauben schlafen noch auf den Simsen. Schwalben jagen und stürzen zirpend auf und nieder. Eine Kehrmaschine fegt den schwarzen Basaltplatz mit Getöse. Zermürbende Wochen liegen hinter mir. Ein einziges großes Fest der Bilder, über das ich fast Tag und Nacht zu berichten hatte. Seit der Mondlandung haben nicht mehr so viele Menschen auf einen Ort geschaut wie in dieser Zeit auf diesen Platz vor meinen Augen.

Die jüdische Welt feiert heute Pessach: das Fest vom »Vorübergang Gottes«. Vor drei Tagen aber wurde hier das Gemälde eines Übergangs fertig gestellt, wie ihn die Menschen des Medienzeitalters noch nicht gesehen haben. Vom Sterben Papst Johannes Paul II. bis zur Wahl Benedikt XVI. war dieser Platz Bühne eines einzigartigen Welttheaters geworden. Vom Himmel her ist er wieder zum »Platz der Propheten« geworden, wie der »Vatikan « mit einem ägyptischen Fremdwort schon von den alten Römern genannt wurde.

Der Obelisk in der Mitte stand schon hier, als der Apostel Petrus im Circus des Nero gekreuzigt wurde. Jetzt ist er eine himmlische Antenne, die seit Wochen immer neue Bilder einer phantastischen Gemäldegalerie in die Welt hinaus funkt – eine Rückkehr der Bilder.

Den letzten stummen Segen Johannes Paul II. habe ich hier erlebt, da oben an seinem Fenster. Später stand ich in der Love-Parade, die zu seinem Sterben als Mississippi der Menschheit nach Rom strömte. Als sein Lebenslicht erlosch, stand ich wieder unter seinem Fenster – mitten in dem tosenden Applaus, der die Nachricht von seiner »Heimkehr in das Haus des Vaters« spontan beantwortete. Die Allerheiligen-Litanei, in die er auf seinem letzten Geleit über den Petersplatz zum Portal der Basilika gehüllt wurde, habe ich hier mitgesungen.

Der Sturm, der Tage später die Gewänder der Kardinäle vor seinem Sarg aufblähte, fuhr auch mir in die Haare, bevor er da vorne auf dem Sarg in den Seiten des Evangelienbuchs blätterte. Ich stand im Petersdom dabei, als Kardinal Ratzinger in seiner purpurroten Königstoga die letzte Messe vor der Wahl des nächsten Papstes feierte.

Am Abend dieses Tages habe ich vor dem Portal den ersten schwarzen Rauch in den Himmel steigen sehen und einen Abend später den weißen Rauch – im Regen in der Menge unter der Loggia, bevor der gleiche Mann plötzlich in Weiß über dem Petersplatz die Arme hochriss. Das Läuten der schweren Glocken habe ich noch im Ohr – und das flatternde goldene Gewand Papst Benedikts XVI. noch vor Augen, mit dem er vor drei Tagen da vorne aus dem Portal in eine neue Epoche hineintrat.

Die Figur eines gotischen Gekreuzigten schaute mit offenem Mund auf ihn nieder. Um von diesen Bildern zu berichten, hatte ich manchmal kaum noch gehen und stehen und sitzen und liegen können. Ich habe einen Bericht nach dem anderen geschrieben; die Textmenge könnte ein ganzes Buch füllen. Es war eine Zeitenwende. Zwei kleine Traktoren sind vorgefahren, mit denen die letzten Stühle der Feiern weggeräumt werden sollen. Der rote Samt über der Loggia ist abgehängt. Der Alltag kehrt zurück.

In wenigen Stunden werden wieder Menschen aus aller Welt den Platz und die Basilika bestaunen und zum Grab Johannes Paul II. herbeigeströmt kommen. Noch ist keine Stimme zu hören. Die beiden Brunnen rauschen. Die Lampen verlöschen. Zwei Polizisten schlendern vorne rechts durch den Säulenring. Ich lehne den Kopf noch einmal an die Säule, schaue noch einmal nach oben in den Morgenhimmel und dann den Polizisten nach, die jetzt auf das schwere Bronzeportal zugehen. Gestern war ich dort mit meiner Frau hindurchgeschritten – auf dem Weg zu einem letzten Gemälde, das alle Bilder Roms aus den vergangenen Wochen noch einmal in den Schatten stellen sollte.

Über ein Jahr zuvor hatte ich bei Erzbischof Piero Marini, dem Leiter des »Instituts der liturgischen Feiern des Obersten Brückenbauers«, einen Antrag gestellt, das »älteste Abbild des Antlitzes Jesu Christi« einmal von nahem betrachten zu dürfen, das so genannte »Mandylion von Edessa«, das der Vatikan in diesem Palast in seinem Gewahrsam hat. Dieses »wahre Porträt« Christi sei das Modell, das »offensichtlich zum Archetypus aller späteren Christusbilder« geworden sei, hatte ich gelesen.

Es zähle zu den »nicht von Menschenhand geschaffenen« Bildern himmlischen Ursprungs, die noch zu Lebzeiten Jesu entstanden seien. In gewisser Weise müsse es als »die erste Ikone« überhaupt gelten. Sein Anblick habe sich dem Herzen, Verstand und Denken Papst Johannes Paul II. wie ein Siegel eingeprägt. In seiner privaten Kapelle hatte er es stets vor Augen – Edessa war eine bedeutende antike Stadt in der Gegend Ostanatoliens, über deren Ruinen das heutige Urfa erbaut ist. Der Weg dieses uralten Christusporträts von dort nach Rom sei rätselhaft, hatte ich erfahren, doch lasse es sich mindestens bis ins 6. oder gar 3. Jahrhundert zurückverfolgen. Ich hatte darauf gebrannt, es kennen zu lernen. Auf Fotos sah das »Mandylion von Edessa« allerdings fast schwarz aus.

In einer ersten Antwort Erzbischof Marinis musste ich erfahren, das Tuchbild werde gerade in Kalifornien ausgestellt und sei nicht in Rom. Bei späteren Anfragen bekam ich zur Antwort, dass es gerade restauriert würde. Doch plötzlich, einen Tag nach dem Ende der Feiern des großen Übergangs, hatte ich ein Fax aus der »Capella Sistina« erhalten, in dem mir mitgeteilt wurde, dass ich das Bild nun sehen könnte. Bei der »Portone di Bronzo« würde ich mehr erfahren. Natürlich könne ich Ellen, meine Frau, mitbringen, erfuhr ich in einem Anruf. Also legte sie ihre Perlenkette und rote Samtjacke an, und auch ich holte noch einmal meinen Festanzug aus dem Schrank.

Beim Bronzeportal salutierten die Schweizergardisten, als hätten sie auf uns gewartet. Wir sollten einfach geradeaus die Treppe hochgehen, sagte ein Offizier. Dort würde uns ein anderer Gardist weiterleiten. Die Scala Regia lag vor uns, die »königliche Treppe«: eine Kaskade von Stufen, die hinter dem Portal in den Vatikan hinaufsteigt. Das Meisterwerk Berninis ist normalen Sterblichen üblicherweise versperrt, doch nicht der großartige Sog dieser Himmelsleiter übermannte mich, oder das Privileg, diese Stufen nun betreten zu dürfen, sondern ein Empfinden, als würde der Film der letzten Wochen urplötzlich noch einmal ablaufen, jedoch rückwärts, dessen Bilder alle Welt davor im Fernsehen verfolgt hatte.

Plötzlich sah ich den toten Johannes Paul II. wieder vor mir, der hier vor drei Wochen auf einer Bahre zu seiner letzten Reise hinabgetragen wurde, zum Gesang der lateinischen Allerheiligenlitanei: »Sancta Maria, ora pro illo!«, und immer weiter: »Sancte Petre, Sancte Paule, Sancte Andrea, Sancte Ioannes, Sancte Thoma, Sancte Bartholomae, Sancte Thaddae, Sancta Maria Magdalena: ora pro illo. Heilige Maria, bitte für ihn, heiliger Petrus bitte für ihn, bitte für ihn, bitte für ihn, bittet für ihn!« – Wir gingen hinauf, wo er hinabgetragen worden war. Am Ende der Scala wurden wir um zwei Ecken geleitet. Atemberaubende Perspektivwechsel. Plötzlich sah ich die Fassade des Petersdoms von oben durch die Fenster, dann den Gianicolohügel, schließlich die Kuppeln Roms dahinter im Morgendunst. Das Fax in meiner Hand war ein Sesam-öffne-dich geworden. Dann standen wir vor der Tür von Erzbischof Marini und schauten auf den Petersplatz hinab.

Plötzlich stand ein junger Mann mit einem Schlüsselbund vor uns, vom Erzbischof geschickt, der Ellen und mich durch das Labyrinth des Palastes zu dem Bild Christi führen sollte. Wir gingen durch die »Sala Ducale«, die »Sala Regia«. Ein riesiges Fresko der Seeschlacht von Lepanto wollte mich festhalten. Ich verdrehte den Hals vor all den Meisterwerken an den Wänden und Decken, es war wie ein Schreiten durch einen Traum. Ich vergaß sogar nach dem Namen unseres jungen Führers zu fragen und vergaß schließlich alles, als er mit einem schweren Schlüssel eine Tür öffnete, hinter der sich Hunderte von Menschen drängten. Wir standen auf der Schwelle der Sixtinischen Kapelle, über die vor Tagen die Kardinäle ins Konklave gegangen waren.

Immer wieder war diese Tür in den letzten Tagen im Fernsehen gezeigt worden, wie sie sich öffnete und schloss. »Ich stehe am Eingang zur Sixtina«, hat Johannes Paul II. vor zwei Jahren noch über dieselbe Schwelle in einem Gedicht geschrieben. »Extra omnes!« hatte vor nur wenigen Tagen der Zeremonienmeister des Konklaves vor dieser Tür gerufen, als alle diesen Raum vor der Wahl des Papstes verlassen mussten, außer den Kardinälen: »Alle hinaus!« – »Vielleicht hätte das alles einfacher gesagt werden können / in der Sprache des Buches Genesis, der Schriftrollen vom ›Urbeginn‹«, heißt es weiter in dem Gedicht Johannes Paul II., »aber das Buch wartet auf sein Bild. – Zu Recht. / Es wartete auf seinen Michelangelo.«

Mir wurde fast schwindlig. Der normale Museumsbetrieb hatte wieder angefangen und spülte eine Gruppe nach der anderen durch den heiligen Raum. Ich sah zu dem Weltenrichter im Jüngsten Gericht Michelangelos hoch und suchte unseren Führer in der Menschenmenge, die sich uns entgegen- und an uns vorbeidrängte, fasste Ellen bei der Hand und ging gegen den Strom, nach vorne, zur Stirnwand, zum Altar, nach links, wo der junge Mann nun unter den Verdammten – durch das Weltgericht hindurch – die Tür zum »Raum der Tränen« aufschloss.

Keine Kamera hatte den Ereignissen mehr folgen dürfen, als Kardinal Ratzinger in diese Kammer eintrat, um sein purpurrotes Kardinalsgewand gegen das Weiß des Papstes zu tauschen. Der Raum ist ein eher kleiner, asymmetrischer Durchgang aus Treppen, Absätzen, Säulen und schlichten Bodenfliesen in sienabraunem Travertin. »Da lagen die Gewänder, und hier standen die Schuhe«, lächelte unser Cicerone, zeigte auf eine kleine Chaiselongue in einer Ecke und führte uns dann weiter, eine kleine Treppe tiefer, hinter der er eine letzte Tür nach links öffnete: zur Sacrestia della Cappella Sistina.

Wie eine Sakristei sah der nüchterne Raum kaum aus. Eine junge Frau saß vor einem PC und nickte uns zu. Ein Bücherregal stand an der Wand. Blassrosa blühende Lupinen leuchteten draußen vor dem Fenster. Durch die Ranken konnte ich auf Gemäuer mit alten römischen Ziegeln schauen. Ich suchte das Zimmer vergeblich nach dem schweren Barockrahmen ab, in dem das »Mandylion von Edessa« im Jubiläumsjahr 2000 im Pavillon des Vatikans auf der Weltausstellung von Hannover gezeigt worden war, als unser Begleiter auf einem Tisch einen flachen Karton öffnete und eine Lage Seidenpapier zurückschlug: »Ecco la! Das Gesicht Christi.«

Es war das Bild. Das Christusbild des Papstes! Die Mutter der Ikonen. Es war nicht schwarz, doch es verlangte ein drei-, vier-, fünffaches Hinsehen, bis sich die Gesichtszüge erschlossen. Es war anders, als alle Fotos es je gezeigt hatten. Aus dem barocken Rahmen war es herausgelöst. Silbern schimmerndes Goldblech deckte das Antlitz in seinen Konturen wie mit einem alten Fenster ab, durch das es uns anschaute. Alte Nägel hielten das Blech entlang des inneren Saums auf dem Bild selber fest. Unten deutete ein gezackter Ausschnitt in der Mitte eine Bartspitze an und zwei Zacken links und rechts zwei Schulterlocken. Ein Bild aus dem Jenseits schaute durch dieses Fenster, so fern, so nah, so dunkel, so gegenwärtig.

Wir beugten uns darüber. »Hol doch einmal die Lampe aus der Tasche!«, bat ich Ellen. Wir waren extra noch einmal zurückgegangen, um die Stablampe aus der Wohnung mitzunehmen, für alle Fälle. Jetzt schaltete Ellen sie an und fragte, ob wir das Bild damit beleuchten dürften. Der junge Mann nickte und nahm die Lampe sogar selber, um für uns das Gesicht auszuleuchten. Wir sollten uns nur auf das Schauen konzentrieren dürfen, auf die lange Nase, den Mund, die Augenbrauen, die Augen. Das Bild leuchtete mild auf, wo immer der Lichtstrahl es erfasste. Unten rechts konnte ich einen winzigen Zipfel unbemaltes Leinen entdecken, sonst war das Tuch gleichmäßig von ein und demselben dunklen Farbton bedeckt.

Gut ein Vierteljahrhundert zuvor hatte ich einmal einen ähnlichen Ton gesehen, im Bild der »schwarzen Jungfrau« auf dem weißen Berg in Tschenstochau in Polen, das wir aufgesucht hatten, als Karol Wojtyla Papst geworden war. »Es sieht aus, als wäre der Farbe Goldstaub beigemischt worden «, sagte Ellen, »oder Bronze.« Ja, es schimmerte merkwürdig, doch das Bild machte mich hilflos. »Lass es uns einmal ausmessen«, sagte ich. Die junge Frau am Schreibtisch reichte uns ein Metermaß. Die ganze Bildplatte maß 33 mal 22,2 Zentimeter, die innere Bildabdeckung 28 mal 17 und der Gesichtsausschnitt selbst 24,5 Zentimeter vom obersten Punkt der Stirn bis zur Spitze des angedeuteten Bartes und 14,3 Zentimeter von der linken bis zur rechten Wange.

Ich notierte alles, weil ich sonst nicht wusste, was ich festhalten konnte. Ohren waren nicht zu sehen, auch der Bart selbst war nur zu ahnen. Die Ikone des Papstes! Das Edessa-Mandylion! Ich atmete tief, betete mit Ellen ein Vaterunser vor der Ikone und ein Ave Maria, küsste das Bild auf die Stirn und richtete mich auf. Der Blick wollte mich nicht loslassen. Die Augen schauten mich an, ich schaute sie an.

Ich kannte dieses Augenpaar, diesen Blick. Zuletzt hatte ich ihn nur drei Wochen zuvor gesehen, bei einem Bild, von dem diese Ikone eine dunkle Kopie ist, jedoch nicht hier in Rom im Papstpalast, sondern in einem vergessenen Winkel Italiens. Zweiundzwanzig Tage zuvor hatte ich mit Ellen und Kardinal Joachim Meisner dieses Gesicht zum letzten Mal aufgesucht, auf einem Hügel vor einem kleinen Bergstädtchen. Wir waren von Rom aus frühmorgens nur für diesen Blick 170 Kilometer weit auf die andere Seite der italienischen Halbinsel gefahren. Es war am 4. April 2005. Zwei Abende vorher war der Papst gestorben. »Heute bin ich dem österlichen Herrn begegnet«, sagte der Kardinal aus Köln noch am gleichen Nachmittag der Reporterin eines amerikanischen Magazins. Die Erinnerung verlieh ihm Löwenkräfte, wie andere Kardinäle in dem stürmischen Konklave bald bemerkten.

Mich aber zieht diese Erinnerung jetzt noch weiter rückwärts, Monate, Jahre, Jahrhunderte zurück – zunächst aber noch einmal über die Berge – wie in einem Film, der noch einmal von vorne beginnt. Fast alle Berichterstatter der Ereignisse um den Epochenwechsel sind schon wieder aus Rom abgereist. Die meisten römischen Kollegen haben sich nach den Strapazen der letzten Wochen inzwischen in den Urlaub verabschiedet oder sind krank geworden oder beides.

Ich lehne erschöpft an einer Säule der Kolonnaden des Petersplatzes. Die Gelenke schmerzen, die Glieder brennen. Doch jetzt will, jetzt muss ich die unglaubliche Geschichte der Entdeckung vom Gesicht des unsichtbaren Gottes noch einmal ganz allein, ganz neu und völlig von vorne erzählen. Zuerst ist es eine Entdeckung vieler Entdecker – und verschiedener Entdeckerinnen – aus mehreren Jahrzehnten und Jahrhunderten. Vor allem aber ist es die Entdeckung eines winzigen Ortes an der italienischen Adria, mit einem merkwürdigen Namen: Manoppello.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors.

DAS BUCH

Paul Badde

Das Göttliche Gesicht

Die abenteuerliche Suche nach dem wahren Antlitz Jesu

Seit rund 2000 Jahren gibt es Gerüchte, dass die Menschheit ein wahres Bild, fast eine Fotografie Jesu, besitze. Dieses Bild, heißt es, sei nicht von Menschenhand gemalt; es sei das Schweißtuch der Veronika. Millionen von Pilgern haben dieses Bild verehrt und daran geglaubt. 1506 wurde in Rom damit begonnen, eine Säule des neuen Petersdomes als Tresor für dieses Kronjuwel der Christenheit zu errichten. Doch plötzlich ereignet sich eine Katastrophe, deren kriminelle Dimension Paul Badde minutiös rekonstruiert: Das Bild verschwindet, seine Existenz verliert sich im Nebel der Legenden. Paul Badde geht dem historischen Rätsel mit detektivischer Akribie nach. Der Zufall kommt ihm zu Hilfe. Wie bei einer Rasterfahndung greifen hunderte von Puzzleteilen nahtlos ineinander. Und plötzlich steht er in einem verlorenen Abruzzenstädtchen vor einem aus Muschelseide, dem teuersten Gewebe der Antike, gearbeiteten Tuch - und muss sich sagen: Dies ist das Bild Jesu. Wir wissen jetzt, wie er aussah. Die Indizienkette ist geschlossen. In diesem Buch legt Paul Badde die abenteuerlichste und folgenreichste Recherche seines Lebens vor. Die Welt ist eingeladen, seine Ergebnisse kritisch zu prüfen.

Erschienen bei Pattloch 2006.

[Modificato da @Andrea M.@ 06/02/2007 22.50]

@Andrea M.@
Tuesday, February 06, 2007 10:43 PM
Der neueste Bericht zum Thema Manoppello
05. Februar 2007

Jesusporträt sorgt für Aufsehen

Wie Jesus wohl aussah, ist eine der ganz großen Fragen der Menschheit. Nun könnte sich dieses Rätsel lösen: Schriftliche Zeugnisse stützen die Vermutung, dass die Reliquie von Manoppello das "wahre Antlitz Christi" zeigt.

Von Klaus Berger

Der "Volto Santo", vielleicht das wahre Antlitz Christi, eingeprägt auf einem Tuch aus Muschelseide, aufbewahrt in einer Dorfkirche bei Manoppello in den Abruzzen, bewegt die Gemüter. Der Papst hat die Kirche am 1. September besucht und sie zwei Wochen später zur päpstlichen Basilika erhoben. Auf dem hauchdünnen Tuch entsprechen die Gesichtszüge des Mannes mit offenen Augen auf frappierende Weise allen Maßen vom Gesicht des Mannes auf dem Turiner Grabtuch mit geschlossenen Augen.

Es ist ein starkes Argument pro, welches das Tuch - nach der Darstellung der Auferstehung durch Johannes 20,12 - von vielen mit dem so genannten "soudarion" Jesu im Grab in Jerusalem identifizieren lässt. Rezensionen zu dem einschlägigen Buch von Paul Badde haben angemahnt, dass sich bislang für die ersten vier Jahrhunderte ein "garstiger Graben" auftue, in dem außerbiblische schriftliche Zeugnisse fehlen, welche die Identität und Authentizität der Reliquie von Manoppello mit dem alten "wahren Bild" der Christenheit nahe legen. Hier sind zwei solcher Dokumente.

Unter den neutestamentlichen Apokryphen gibt es ein fast unbekanntes Dekret des Apostels Petrus, betreffend das Bild Jesu Christi. Wieder entdeckt wurde das Dokument neuerdings von Schwester Mirjam im Karmeliterinnenkloster von Haunstein/Pfalz. Es lautet so: "Trage das Bild unseres Herrn Jesus Christus herbei und stelle es aus im Turm, damit die Völker sehen, welche Gestalt der Sohn Gottes angenommen hat."

Der Wortlaut erinnert an Jesus Christus als "Zeichen für die Völker" (vgl. den Text der 3. O-Antiphon der Adventsliturgie: Qui stas in signum populorum). Als Verfasser wird der Apostel Petrus angegeben. Das Dekret findet sich in den Akten des Hl. Märtyrers Pankratius, der von Petrus und Paulus (angeblich) zum ersten Bischof von Taormina (Tauromenium) in Sizilien eingesetzt worden sein soll. Über Pancratius erfahren wir weiteres um 304, und intensiv später bei Gregor dem Großem.

Das Dekret des Apostels Petrus findet sich in der "Bibliothek der Kirchenväter" (Band I, herausgegeben in Kempten 1875) mit dem Zusatz, es sei "schwer verständlich". Dieser Mangel könnte jetzt behoben werden, denn das "Bild Christi" könnte durchaus das von Badde beschriebene sein.

Dafür spricht: Eine Beziehung des hl. Pankratius gibt es gerade zum Tuch von Manoppello. Jedes Jahr am dritten Sonntag im Mai wird der "Volto santo", das Bild Christi, in Manoppello feierlich vom Heiligtum zur Pfarrkirche San Nicola in die Stadt und zurück getragen. Einen Tag vorher wird dasselbe mit einer Figur des heiligen Pancratius unternommen, der dem "Volto santo" vorausgeht und ihn am Festtag selbst gewissermaßen abholt. Es gibt hier also eine merkwürdige Beziehung Petrus - Christusbild - Pancratius - Manoppello.

Über das Alter des Petrusdekrets wäre zu forschen. Und zu bedenken ist auch, ob der "Turm", den das Dekret angibt, später vielleicht zum Bau jenes "Turmes" in der neuen Sankt Peter-Basilika in Rom führte, der von Anfang an zur Aufbewahrung und Schaustellung der Reliquie konzipiert wurde. Zu fragen ist also, ob dieser "Veronika-Pfeiler" links hinter dem Bernini-Altar, auf dem die Peterskuppel ruht, nicht gleichsam als kanonischer Ort begriffen werden muss. Wurde bei der Entfernung des Manoppello-Bildes aus Alt-Sankt Peter auch die Beziehung zu Pancratius nach Manoppello "mitgenommen" und übertragen?

Dass Pancratius von Taormina nicht unbedingt identisch sein muss mit dem am 12. Mai gefeierten Märtyrer und Nothelfer Pancratius dürfte angesichts der Logik der Volksfrömmigkeit weniger ins Gewicht fallen. Vielmehr wird durch die Verbindung von Pancratius und "Volto Santo" in Manoppello der eigentliche "Sitz im Leben" der Verehrung des "Volto Santo" greifbar: Pancratius ist Helfer gegen schwerste Krankheiten. Bereits die Schweißtücher der Apostel hatten nach der Apostelgeschichte die Funktion der Heilung (19,12). Und jeder Kundige weiß, wie lange der "Volto Santo" als "Schweißtuch" Christi überliefert wurde. Wer es sah oder berührte, konnte genesen.

Einen ähnlich brisanten Text, der neues Licht auf die Herkunft des "Volto Santo" und seinen Gang durch die Geschichte werfen könnte, habe ich in den so genannten Thomasakten entdeckt, die im 2. bis 3. Jahrhundert nach Christus in Ostsyrien entstanden sind. Dort findet sich in dem berühmten Perlenlied (§ 111f) ein Passus, der vielleicht nur im Lichte des Tuches von Manoppello verständlich werden kann.

Der Text an dieser Stelle ist schwierig und wurde nach dem Griechischen und Vorschlägen von H.J.W. Drijvers übersetzt. Der auf die Erde geschickte Königssohn ist dort mit schäbigen Kleidern ausgestattet - ein Bild für den menschlichen Leib. Vom Himmel her erhält er ein Gewand "auf chinesischem Gewebe mit Rötel (gezeichnet), vor mir mit seinem Aussehen glänzend". Dieses Gewand sieht der Sohn dann plötzlich sich gegenüber, und da wurde es "ähnlich meinem Spiegelbild mir gleich. Ich sah es in mir, und in ihm sah ich mich auch (mir) gegenüber." (111,[66]-112,[77]).

Für das Tuch von Manoppello kann dieser Passus in mehrerer Hinsicht erhellend sein: Der Königssohn steht im Kontext für Jesus. Auch das Tuch von Manoppello wird zunächst als glänzende Seide wahrgenommen, und die Zeichnung des Antlitzes scheint wie mit Rötel ausgeführt; dies ist die einzige Farbe, die zureichend den Farbton beschreibt. Auch hat dieses Tuch eigenartige Spiegelwirkungen, die schon oft beschrieben wurden. Dass das Antlitz aber auf edler Seide gezeichnet ist, bedeutet im Sinne des Perlenliedes: Gegenüber dem verfallenden Antlitz des Toten ist es ein Spiegel im Sinne der besseren Identität, die sich der Erhöhung in der Auferstehung verdankt. Denn das Wort Spiegel kann in zweifachem Sinne verstanden werden, entweder als Darstellung der augenblicklichen Gegenwart (das ist unser Sprachgebrauch) oder im Sinne dessen, was werden soll (wie der Jungfrauenspiegel, der Regentenspiegel).

In diesem Sinne ist das Bild des lebenden Christus von Manoppello in der Tat die Brücke zwischen dem gerade Gestorbenen hinüber zum Auferstandenen. Von Verfall ist nichts zu sehen. Aber auch der Ausdruck "wahres Bild" ("vera ikon"), von dem sich später die Allegorie der Veronika ableitete, bekäme durch den Text des Perlenliedes noch einmal eine besondere Bedeutung. Denn es ist ganz wahr, wesensgemäß, vom Himmel. Der Ausdruck "Spiegel" beschreibt hier das, was wieder werden soll. Das Zeichen des Königs, von dem die Thomasakten berichten, weist auf eine Krone, hier: die Spur der Dornenkrone.

Da die Thomasakten nicht weit von Edessa in Syrien entstanden sind, Edessa aber eine unumgängliche Bedeutung für die Geschichte des Volto Santo hat, sind die Thomasakten eine hilfreiche Stütze. Es ist bekannt, dass das zitierte Perlenlied der Thomasakten Erlösung in einem Gesamtvorgang beschreibt. Es kann gut sein, dass diese Aussagen ihren Ursprung in konkreter Verehrung des Volto Santo haben.

So könnte hinter dem im Perlenlied Berichteten also durchaus ein konkretes Objekt und nicht ein abstrakter Mythos stehen. Dann steht auch das himmlische Gewand nicht für einen "Mythos" von der Wiedererlangung des besseren Selbst in der himmlischen Heimat, sondern reflektiert die praktische theologische Aussage und Bedeutung eines solchen Tuches "aus chinesischer Seide" mit einer Rötelzeichnung des menschlichen Gesichtes Gottes für Christen in der Tradition der Erinnerung an Jesu Leiden und seine Auferstehung nach dem Martertod.

Am Schluss drängt sich noch der Gedanke auf, ob die Bezeichnung des "Perlenliedes" nicht möglicherweise schon damals den Perlmuttschimmer jenes Gewebes in Manoppello reflektiert, von dem jüngst mit vielen Argumenten behauptet und gemutmaßt wurde, dass es sich bei ihm nicht etwa um "Seide", sondern um Byssus oder Muschelseide handelt, das kostbarste Gewebe der Antike, das aus Haftfasern einer besonderen Muschel des Mittelmeers gewonnen wurde.

Die rätselhafte Spiegelbildlichkeit indes, von der die Thomasakten bei diesem himmlischen "Gewand" berichten, taucht fast spiegelbildlich noch einmal in der "Göttlichen Komödie" im 14. Jahrhundert auf, wo Dante - dem das Christusbild auf dem Veronika-Schleier aus dem Vatikan deutlich vor Augen war - das Bild Gottes im Innern des trinitarischen Lichtkreises im 33. Gesang in die Worte kleidet: "... in seinem Innern in der eignen Farbe bemalt mit unserm eignen Ebenbild, drum ruhte einzig nur auf ihm mein Auge".

Noch einmal 700 Jahre später war es eben dieses Bild Gottes aus der "kosmischen Reise" Dantes, von dem Papst Benedikt XVI. am 23. Januar 2006 gestand, dass es ihn zu seiner ersten Enzyklika "Deus Caritas est" bewegt habe, weil hier "Dantes Blick etwas völlig Neues wahr (genommen hatte), was für den griechischen Philosophen noch unvorstellbar war. ... Gott, unendliches Licht, dessen unermessliches Geheimnis der griechische Philosoph erahnt hatte, dieser Gott hat ein menschliches Antlitz ..."

"Bewiesen" ist mit alledem nichts. Aber aufgrund der jetzt vorgelegten schriftlichen Quellen kann man nunmehr auch einen möglichen frühen Weg dieser Reliquie wenigstens vorstellen: Mit dem Namen des hl. Petrus verbunden gelangt sie nach Syrien, spielt dort Ende zweiten Jahrhunderts beim Werden des Perlenlieds eine Rolle.

Sie gelangte nach Sizilien, wurde ausgestellt im Domturm von Taormina, wurde dann im frühen Mittelalter in die Peterskirche nach Rom gebracht und beim Neubau von Sankt Peter nach Manoppello verschleppt. Die weitere Diskussion dürfte auf jeden Fall dieses zeigen: Für die Alte und die mittelalterliche Kirche hatte die Beschäftigung mit dem "wahren Antlitz Jesu Christi" einen konkreten Grund: Das Erstaunen und Erschrecken über die Menschwerdung Gottes.

© Die Welt
benedetto.fan
Saturday, March 24, 2007 5:05 PM

der frühjahrsputz meiner festplatte brachte diese 6 monate alten schätzchen vom bayrischen fernsehen wieder ans tageslicht. dio mio, das war am 1. september 2006, kurz bevor papa nach good old bavaria geflogen ist! weiß vielleicht jemand den titel des liedes im 1. und 2. clip? ich erinnere mich noch gut, dass ich die clips stundenlang gehört habe, weil mir die melodie so gut gefallen hat bzw. wieder gefällt.

video.tinypic.com/player.php?v=4bi9l4w

video.tinypic.com/player.php?v=2elsdup

video.tinypic.com/player.php?v=34rwy8g

video.tinypic.com/player.php?v=43dfred




Jil
Saturday, March 24, 2007 5:50 PM
Das hab ich auch alles noch auf meinem VC - und das wird auch nicht gelöscht.

Die Melodie ist wirklich sehr eingängig, kann es sich um ein italienisches Volkslied handeln? Da wissen unsere suore hier sicher mehr.
benedetto.fan
Saturday, March 24, 2007 6:32 PM
Re:

Scritto da: Jil 24/03/2007 17.50
Das hab ich auch alles noch auf meinem VC - und das wird auch nicht gelöscht.

Die Melodie ist wirklich sehr eingängig, kann es sich um ein italienisches Volkslied handeln? Da wissen unsere suore hier sicher mehr.



zum löschen habe ich mich auch noch nicht durchringen können, aber wann ich mir all die gigabytes anschauen soll , weiss ich wirklich nicht; wahrscheinlich, wenn ich alt und grau bin und benedikt XIX. im AP wohnt

dass papa mit einem volks- statt mit einem kirchenlied empfangen worden ist, kann ich mir schwer vorstellen, aber du hast recht, jil, es klingt sehr danach - ich hatte auch den gedanken.


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