@Andrea M.@
Sunday, February 04, 2007 9:57 PM
Karneval in der Stadt der Päpste: Ein Blick in die Geschichte
Von Ulrich Nersinger
ROM, 3. Februar 2007 (ZENIT.org).- Johann Wolfgang von Goethe schrieb in seiner „Italienischen Reise“: „Der Römische Karneval ist ein Fest, das dem Volke eigentlich nicht gegeben wird, sondern das sich das Volk selbst gibt. Der Staat macht wenig Anstalten, wenig Aufwand dazu. Der Kreis der Freuden bewegt sich von selbst, und die Polizei regiert ihn nur mit gelinder Hand. Hier ist nicht ein Fest, das wie die vielen geistlichen Feste Roms die Augen der Zuschauer blendete; hier ist kein Feuerwerk, das von dem Kastell Sankt Angelo einen einzigen überraschenden Anblick gewährte; hier ist keine Erleuchtung der Peterskirche und Kuppel, welche so viel Fremde aus allen Landen herbeilockt und befriedigt; hier ist keine glänzende Prozession, bei deren Annäherung das Volk beten und staunen soll; hier wird vielmehr nur ein Zeichen gegeben, dass jeder so töricht und toll sein dürfe, als er wolle, und dass außer Schlägen und Messerstichen fast alles erlaubt sei.
Der Unterschied zwischen Hohen und Niedern scheint einen Augenblick aufgehoben: alles nähert sich einander, jeder nimmt, was ihm begegnet, leicht auf, und die wechselseitige Frechheit und Freiheit wird durch eine allgemeine gute Laune im Gleichgewicht erhalten. In diesen Tagen freuet sich der Römer noch zu unsern Zeiten, dass die Geburt Christi das Fest der Saturnalien und seiner Privilegien wohl um einige Wochen verschieben, aber nicht aufheben konnte.“
Die traditionellen römischen Karnevalsfeste und –spiele knüpften an die Antike an. Ihre Wurzeln gingen mehr als zweieinhalbtausend Jahre in die Geschichte der Ewigen Stadt zurück. Vor allem die Saturnalien und die Lupercalien gelten als Vorläufer des Karnevals. Die zunächst eintägige, dann später aber vom 17. bis 23. Dezember dauernde Feier der Saturnalien war in ihren Anfängen ein Bauernfest. Die Einführung wird König Numa Pompilius zugeschrieben. Livius berichtet, dass man wegen der Gestaltung der Festlichkeiten im Jahre 217 v. Chr. die Sybillinischen Bücher befragte. In Anlehnung an das goldene Zeitalter „wurden alle Menschen, Herren wie Sklaven, als gleich erachtet, und man bewirtete einander. Senatoren und Ritter legten die Toga mit den Standesabzeichen ab, Gladiatorenspiele wurden abgehalten, Gerichte und Schulen waren geschlossen“ (Angelika u. Ingemar König).
Die Lupercalien, ursprünglich ein einfaches Hirtenfest, waren unter etruskischen Einflüssen mit dionysisch-bacchischen Dämonenvorstellungen verbunden worden. Im alten Rom begann man am 18. Februar am Lupercal, das heißt der Höhle des Pan Faustulus am Palatin, die „februatio“, das Entsühnungsfest. Vornehme römische Jünglinge kleideten sich dort bis auf die Haut aus, legten sich dann einen Lendenschurz um und liefen, mit einer Peitsche knallend, um die Dämonen auszutreiben, durch die Straßen der Stadt.
Das Christentum verwarf dieses bisweilen moralisch etwas anrüchige Treiben der Antike nicht. Es nahm sich behutsam seiner an, lenkte es in gemäßigte Bahnen und gab ihm eine „Taufe“. Ja, es baute diese ursprünglich rein heidnischen Feiern sogar geschickt in den Lauf des Kirchenjahres ein. Anlässlich einer Pest in Konstantinopel bestimmte Kaiser Justinian im Jahre 542 zu Ehren der hl. Jungfrau das Fest der Purificazione, der Reinigung. Es wurde, um die heidnischen Lupercalien, die sich noch unter dem Christentum gehalten hatten, zu verdrängen, auch in Rom eingeführt und unmittelbar vor dem Beginn des Karnevals am 2. Februar gefeiert.
Papst Martin V. (Oddone Colonna, 1417-1431) verdankten die Römer eine „Neuordnung“ ihres Karnevals. Der Pontifex hatte ein Dekret erlassen, demzufolge die ursprünglich auf einen Tag, später dann auf zwei Tage beschränkten Vergnügungen ausgedehnt werden konnten. Auch gegen das Tragen von Masken, das seine Vorgänger zu bekämpfen versucht hatten, erhob der Pontifex keine Vorbehalte mehr. Die traditionellen Spiele am Agone sollten während des letzten Donnerstags der Karnevalszeit, dem „giovedi grasso“, dem „Fetten Donnerstag“, stattfinden; die auf dem Testaccio am letzten Sonntag. Ein besonderes Vergnügen fand man an der volkstümlichen „ruzzicà dei maiali“, dem „Schweinespaß“, und den mehr aristokratischen „corsi“, den Pferderennen. Sogar Stierjagden wurden gewährt. Das dankbare Volk der Tiberstadt nannte seinen ebenso frommen wie lebensfreudigen Souverän „il papa Carnevale“.
Rennen wurden außer am Agone und auf dem Testaccio später auch auf der Via Florida (der späteren Via Giulia) und bei der Porta Cavalleggeri gehalten, bis Papst Paul II. (Pietro Barbo, 1464-1471) diesen Vergnügungen 1466 die Via Lata anwies, die von den „corsi“ (Rennen) ihren neuen Namen „Via del Corso“ erhielt. Giovanni Mantovano, ein Dichter des 15. Jahrhunderts verglich die Karnevalsrennen mit den römischen Festen der „Equirria“. Die Equirria waren Pferdewettläufe gewesen, die in der Antike am 27. Februar und 14. März mit großer Begeisterung und Anteilnahme des Volkes begangen wurden; der Sage nach sollen sie von Romulus zu Ehren des Mars, des römischen Kriegsgottes, eingesetzt worden sein.
Der Begriff „Pferde“ wurde im Mittelalter weitgefasst; es fielen auch Maultiere und Esel darunter. Die Corsi waren nicht ganz ungefährlich: Um Sicherheit dafür zu schaffen, dass der Weg des Rennens frei war, ritten päpstliche Reitersoldaten von der Piazza del Popolo nach San Marco hinauf; energisch sorgten sie dafür, dass alle Kutschen in den Seitenstraßen verschwanden. Verletzte und sogar Tote ließen sich jedoch bei allen Vorsichtsmaßnahmen nicht ganz vermeiden. Denn man gab den Tieren Hafer oder aufpeitschende Mittel in das Futter; auch bekamen sie oft mit spitzen Nägeln gespickte Gürtel umgebunden, die als Sporen dienten.
In dem aus Venedig stammenden Paul II. hatte der römische Karneval seinen wohl größten Förderer gefunden. Er erweiterte die von Martin V. erlaubten Festlichkeiten um ein beträchtliches Maß – es blieb nicht mehr allein bei den traditionellen Pferde- und Schweinerennen; am Montag ließ er einen Wettrennen der jungen Burschen abhalten, am Dienstag einen Lauf der Juden; am Mittwoch sollten die Alten durch die Via Lata ziehen; am Donnerstag, dem „Giovedi Grasso“, ging es auf die Piazza Navona; am Freitag blieb und feierte man zu Hause; am Sonnabend ging man auf die Jagd, und am Tage darauf, dem Sonntag, fanden drei Läufe – unter ihnen derjenige der Kinder – statt; am Montag liefen die Büffel um die Wette und am Dienstag die Esel.
Die Wettrennen für Personen, und zwar nach dem Alter unterschieden – Kinder, Jugendliche und Erwachsene – waren etwas ganz Neues. Man musste daher für jedes Rennen eine eigene Regelung aufstellen, vor allem, was die Bestimmung der Länge betraf. Die Kinder starteten beim Bogen des Claudius, die Jungen und die Alten beim Bogen des Marc Aurel, auch Domitiansbogen genannt. Der Wettlauf für die Esel und die Büffel begann beim Hospital San Giacomo, die Pferderennen nahmen ihren Beginn bei der Kirche Santa Maria del Popolo.
Ein bedauerlicher Umstand soll nicht verschwiegen werden: Paul II. hatte einen Sonderlauf der Juden eingeführt. Er war ursprünglich nicht aus einer Verachtung oder Diskriminierung geboren worden – er ergab sich aus Gründen der damals vorgeschriebenen Trennung von den Christen entstand. Beschämenderweise kam es jedoch später bei diesem Lauf zu antisemitischen Äußerungen, wobei man sogar Steine und Schmutz auf die jüdischen Mitbürger schleuderte (Es waren die Päpste, die energisch bestrebt waren, diese Ausschreitungen des Pöbels zu verhindern; Papst Clemens IX., Giulio Rospigliosi, 1667-1669, gewährte dann den Juden eine Dispens, die sie von der Teilnahme an den Wettläufen entband).
Vom Palast bei San Marco auf der Piazza Venezia aus nahm der Heilige Vater als aufmerksamer Zuschauer an den Festlichkeiten teil. Jedes Jahr zum Abschluss des Karnevals gab Paul II. für die Beamten und das Volk vom Rom in den Gärten von San Marco ein aufwendiges Bankett. Der Biograph des Papstes gab an, dass man bei diesem Festmahl sich „manchmal an den ausgewähltesten Fischen erfreute, bisweilen aber auch an exquisiten und besten Fleischarten. Ausgesuchte Weine verschiedenster Sorte, weiße und rote, wurden gereicht“. Zu diesen Mählern waren Arme und Reiche gleichermaßen geladen.
Auch die Nachfolger des Barbo-Papstes erwiesen sich als Förderer, Gönner und „Finanziers“ des Karnevals. Sixtus IV. (Francesco della Rovere, 1471-1484) besteuerte die Gehälter der Lektoren der Sapientia, der alten römischen Universität, mit drei Prozent; ein großer Teil dieser Einnahmen ging an den römischen Senat, der am Giovedi Grasso einen Festbankett auf dem Kapitol veranstaltete. Auch viele andere Berufs- und Volksgruppen hatten ihren Tribut für die Feier der Spiele zu leisten.
In Venedig wurde der Karneval durch die Nobilità, den Adel, geprägt, er vermittelte dem Besucher der Lagunenstadt ein Gefühl vornehmer Distanz, ja einer gewissen Kühle, die durch die steifen, blassweißen Masken und schwarzen Kostüme noch verstärkt wurde. In Rom war der Karneval jedoch stets eine Angelegenheit der ganzen Bevölkerung, ein Vergnügen, dass die sozialen Unterschiede und Abgrenzungen vergessen ließ. Adelige, Bürger und Künstler mischten sich unter das einfache Volk.
Gian Lorenzo Bernini (1598-1680) begeisterte die Bewohner des Borgo, indem er vor einer Schänke sitzend, von Referendaren der Apostolischen Signatur und Arbeitern der Dombauhütte von St. Peter umringt, mit ungeheurer Bravour und gestenreicher Mimik die verschiedensten Dialekte Italiens zum Besten gab. Als um das Jahr 1740 herum ein Sbirre, ein päpstlicher Polizist, einem ihm verdächtig vorkommenden, munter herumspringenden Harlekin befahl, die Maske abzunehmen, blickte der erstaunte Ordnungshüter in das Gesicht des Fürsten Colonna, des Thronassistenten Seiner Heiligkeit.
Am „Fetten Donnerstag“ des Jahres 1822 zogen Gioacchino Rossini und Niccolò Paganni als Straßensänger verkleidet durch die Ewige Stadt, Gitarre spielend und selbstverfasste Lieder trällernd. Fünf Jahre konnte man Gian Gioacchino Belli, den berühmtesten Dialektdichter Roms, im Gewand des „Dottor Gambalunga“ erblicken. Auf einem Ball der römischen Aristokratie brillierte zum Karneval 1847 ein junger Offizier der päpstlichen Leibwache durch Tänze mit einem Dienstmädchen des Hauses (der Militär, Flavio Chigi, wechselte später in den Geistlichen Stand, wurde Nuntius in Frankreich und an seinem Lebensabend mit dem Kardinalspurpur ausgezeichnet).
„Man kostümierte sich als Kosake, als englischer Matrose, als chinesischer Mandarin, als Korsar, als Schotte, als Riese auf Stelzen oder als komische Figur aus der ‚commedia dell’arte’. Männer verkleideten sich als Frauen, Frauen sich als Knaben oder Offiziere. Der Einfallsreichtum kannte keine Grenzen. Konfetti und Papierschlangen, aus Vulkanasche und Gips gepresste Pfeile und Kugeln wirbelten und flogen durch die Luft, Mehl und Wasser, handvollweise ausgestreut, regneten auf die singenden und tanzenden, schreienden und einander umarmenden Menschen nieder. Auf die Trittbretter der Kutschen, die sich rücksichtslos ihren Weg durch das Gedränge bahnten, sprangen immer wieder Kostümierte auf, um einen Blick durch die Fenster zu erhaschen und den Insassen einen Gruß zuzurufen“, schrieb Christopher Hibbert in „Rom. Biographie einer Stadt“.
Mit dem Karneval des Jahres 1732 war ein besonderes Ereignis verknüpft: die Einführung des Lottospiels. Ein Chronist schrieb hierzu: „Die erste Ziehung fand am 14. Februar statt, dem Donnerstag vor dem ersten Samstag im Karneval. Das ganze war als große Festlichkeit aufgezogen. Auf dem Platz vor dem römischen Rathaus hatte man eine Bühne aufgebaut, ausgelegt mit Samt. Darauf nahm der Kommissar Platz, zusammen mit den Klerikern der Apostolischen Kammer. Auf dem Tisch stand allem Volke sichtbar, eine schöne Urne aus versilbertem Kupfer für die Lose. Dahinein legte ein Mann mit langem violettem Rock die Kugeln, deren Nummern er mit lauter Stimme dem Volke verkündete. Die zu dem Ereignis herbeigeströmte Menge war so groß, daß nicht nur der Rathausplatz und die Treppe dicht besetzt waren, sondern auch noch der untere Platz bis zum Palazzo Astalli. Ein Waisenkind nahm dann fünf Kugeln aus der Urne und zeigte sie dem Volke. Es waren die Nummern 56, 11, 54, 18 und 6.“
Das römische Volk hat immer eine sprichwörtliche Neigung zu Vergnügungen gehabt, so dass ein römischer Dichter sagen konnte, dass die Bewohner der Ewigen Stadt den Karneval am liebsten von St. Stephan bis zum 28. Juni und von St. Peter bis zu Weihnachten feiern wollten. Dennoch waren sich die Römer durchaus bewusst, dass ihr geliebter Karneval kein unbegrenztes Vergnügen war, dass ihm die Zeit der vorösterlichen Besinnung folgen musste.
Der Karneval fand seinen Abschluss mit dem gegenseitigen Ausblasen der „moccoletti“, der kleinen Kerzen, mit denen sich jeder für den letzten Abend, den Dienstag, versehen hatte. So wurden gleichsam die Flämmchen, die vom antiken Lupercalienfest noch übrig geblieben waren, zum Erlöschen gebracht. Das Volk eilte dann in die von Lichtern erfüllten Kirchen, „um das Werk der Purificazione zu vollenden, und das Fest, das ursprünglich dem Pan Faustulus und den Begründern Rom gegolten hatte, endete mit dem Sieg der römisch-katholischen Kirche, die dieses weitherzig acht Tage lang hatte geschehen lassen, bis es von selber erlosch“ (Philipp Hiltebrandt).
So schrieb Gian Gioacchino Belli im Romanesco, dem harten, aber doch so herzlichen und erfrischenden römischen Dialekt: „Er Carnevale è mmorto e sseppellito, Li moccoli hanno chiuso la funzione, Nun se ne parla più: tutt’ è ffinito.” Die Verse Bellis lassen sich am besten mit den Worten eines bekannten rheinischen Karnevalsliedes übersetzen: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei.“
Der Karneval wirkte und wirkt auf Protestanten und Nichtchristen befremdlich. Eine amüsante Episode hierzu ist aus dem 17. Jahrhundert überliefert. Ein Gesandter des Osmanischen Reiches, der den Karneval in der Ewigen Stadt miterlebt hatte, berichtete seinem Herrscher (Süleyman II., 1687-1691) nach der Rückkehr in Konstantinopel, dass die Christen zu einer bestimmten Zeit des Jahres verrückt würden, aber durch die Heilkraft einer gewissen Art von Asche, die man ihnen in den Kirchen auf den Kopf streue, wieder gesundeten.
Obschon die Päpste dem Karneval zumeist sehr wohlwollend gegenüber standen, waren sie bisweilen jedoch gezwungen, in das volkstümliche Treiben einzugreifen, um das Fest in geziemende Schranken zu halten. Besonders der für seine resolutes Auftreten bekannte und allseits gefürchtete Papst aus dem Franziskanerorden, Sixtus V. (Felice Peretti, 1585-1590), ging äußerst streng gegen Ausschreitungen vor. 1748 beklagte Papst Benedikt XIV. (Prospero Lambertini, 1740-1758) in einem Apostolischen Brief zahlreiche Missbräuche und schrieb Worte, die an Aktualität nichts verloren haben: „Es widerspricht allzu sehr der Ehrfurcht vor der Kirche und ihren heiligen Riten, wenn man sich zwar das Aschenkreuz auflegen lässt, dazu aber die Kirche im Karnevalskostüm betritt, statt in normaler Bekleidung. Man tritt in unseriösem Gewand an den Altar, um aus den Händen des Priesters die geweihte Asche zu empfangen, wobei man doch an den eigenen Tod denken sollte.“
Als im Jahre 1631 die Pest in den Päpstlichen Staaten herrschte, bestimmte Urban VIII. (Maffeo Barberini, 1623-1644), „dass weder Maskenzüge noch Rennen gehalten werden dürfen, weil Rom sich nicht dem Vergnügen hingeben darf, während viele andere Städte in Schmerzen weinen.“ 1703 war es ein Erdbeben, das gerade in die Karnevalstage fiel und die Römer an ganze andere Dinge als an flüchtige Lustbarkeiten denken ließ. In fast allen Heiligen Jahren und beim Tode eines Papstes – wie bei dem Klemens’ XII. am 6. Februar 1740 und dem Leos XII. am 10. Februar 1829 - wurden die Karnevalsfeste abgesagt.
Dass sich die Römer den Karneval aber auch nicht vorschrieben ließen, zeigte ein Vorfall aus dem Jahre 1808. Der Papst hatte nach einem erneuten Einmarsch der napoleonischen Truppen in sein Herrschaftsgebiet den Karneval aus Protest gegenüber den Besatzern untersagt. Der französische General Miollis erließ umgehend einen Gegenerlass, in dem er befahl, den Karneval ausgiebig und prächtiger zu feiern als je zuvor. Die Stadt zeigte sich jedoch dem Papst ergeben: Häuser und Läden blieben geschlossen; Rom schien wie in Trauer. „Die Stadt kam mir wie ein großer Friedhof vor“ berichtete ein ausländischer Gesandter seiner Regierung.
In den Pontifikaten Gregors XVI. (Bartolomeo Alberto Cappellari, 1831-1846) und Pius IX. (Giovanni Maria Mastai Ferretti, 1846-1878) kam es durch die von nationalliberalen Bewegungen entfesselten Unruhen oft zu Einschränkungen bei der Feier des Karnevals; besonders in den Maskeraden sahen die römischen Polizeidirektoren eine potentielle Gefahr. Die Revolutionäre machten sich jedoch bei der Bevölkerung unbeliebt. Als sie im Februar 1850 Tribünen, die man für die Corsi errichtet hatte, anzündeten, stieß diese Aktion bei den Römern auf völliges Unverständnis. 1860, in dem Jahr, in dem der Papst vier Fünftel seines Territoriums verlor, waren die Kontrollen durch Polizei und Gendarmerie dann so rigoros, dass der Karneval überwiegend außerhalb der Stadtmauern, vor der Porta Pia, gefeiert wurde. Trotz der Bedenken seiner Ratgeber und mancher unerfreulicher Zwischenfälle, war Pius IX. auch in den letzten zehn Jahren seiner weltlichen Herrschaft über Rom nicht bereitet, seinen Untertanen ihr geliebtes Volksfest zu nehmen.
Mit der Eroberung des Kirchenstaates im September 1870 und seiner Einverleibung in das neue Königreich Italien wurde unwiderruflich das Ende des alten Römischen Karnevals eingeleitet. „Die vertrauten ‚allegrezze’ (Fröhlichkeiten) sind aus dem Leben Roms verschwunden“ klagte ein Chronist.
Zum „Römischen Karneval“ unserer Zeit schrieb Reinhart Raffalt, der begnadete Cicerone der Ewigen Stadt: „Eine der Enttäuschungen, die Rom heute seinen Besuchern bietet, ist der Karneval. Man hat Goethe gelesen und erwartet Maskeraden, Blumenkorso, Pferderennen und Festbeleuchtung. Anstatt dessen hüpfen ein paar sorgfältig und unpraktisch kostümierte Kinder als Cowboys und Schweizergardisten auf den regenfeuchten Straßen herum, von ihren stolzen Müttern ängstlich gehütet. Hat wirklich jemand den Mut, in einem der großen Hotels ein Kostüm zu veranstalten, dann erscheinen die römischen Damen und Herren in teuren und gänzlich phantasielosen Roben, entweder als Marquise de Pompadour oder als Graf von Monte Cristo, adrett, hochelegant, in bester Form und tiefernst.
Es herrscht eine Langweile, die nur noch durch die heroische Nüchternheit der geschniegelten Teilnehmer überboten wird. Man hat den Eindruck, die Leute hielten ein paar Hände voll Konfetti über das freigebige Dekolleté einer nicht mehr ganz so taufrischen Dame gestreut für den Höhepunkt der Lustigkeit. Hin und wieder rafft sich ein Mitglied des diplomatischen Corps – in der Hoffnung auf die althergebrachte Toleranz der Römer gegenüber diesem privilegierten Stande – dazu auf, sich eine knallrote Nase vors Gesicht zu binden, im Smoking, versteht sich. Und dann sagen die Leute: „Che uomo unico, - was für ungewöhnlicher Mann, nein, so ein Charme, nicht zu glauben.“ Wenn dann der Aschermittwoch da ist, geht man in die Kirche und lässt sich mit dem Gefühl der Erleichterung Asche auf das Haupt streuen: man ist die fatale Verpflichtung zur Ausgelassenheit glücklich wieder losgeworden.“
Der Rückblick auf den Römischen Karneval soll jedoch nicht in einem unglückseligen Lamentieren enden. Es gibt einen hoffnungsvollen Trost. Wer in Rom gelebt, in die Stadt hineingestiegen und ihre Bewohner kennen und schätzen gelernt hat, gibt Reinhart Raffalt recht, wenn dieser zu der Überzeugung kommt, dass der Karneval in der Ewigen Stadt nicht gänzlich tot ist: „Er lebt fort in gewissen Charaktereigenschaften der Römer, er hat sich wie ein Feuerwerk in abertausend kleine Funken geteilt.“